Eine Frau und ein Mann, beide Anfang 30, sitzen auf der Terrassentreppe des Weißenseer Strandbades. Gedankenverloren nippen sie an ihren Caipirinhas, den Blick auf den See in der Abendsonne gerichtet. Als die beiden nach der Arbeit auf ihre Räder stiegen, wollten sie nur kurz ins Wasser springen. "Doch jetzt kommt es mir vor wie ein kleiner Urlaub mitten in Berlin", sagt Andrea Spickermann.
Wenn man am Alex in die Straßenbahn M 4 steigt, ist man nach 15 Minuten bereits in der Urlaubsidylle, fernab von Hektik und Straßenlärm. Das kleine Gewässer ist von mehreren Stellen zugänglich. Das Strandbad besticht mit Sandstrand und einer Treppe zum Wasser.
Trifft man tagsüber vor allem Familien mit Kindern, wechselt abends das Publikum: Junge Erwachsene versammeln sich auf Decken und Bierbänken. Drei Frauen um die 40 haben an einem erhöhten Tisch Platz genommen, neugierig mustern sie die passierenden Gäste. Zwischen den Palmen hüpfen Kinder, erfreut über die locker gehandhabte Schlafenszeit in den Ferien. Es sind die Erwachsenen, die jetzt in dem See ihre Runden drehen. Vor dem Grillstand und den Bars bilden sich schon Schlangen. Das Strandbad erwacht zu seinem zweiten, nächtlichen Leben.
Das Ehepaar Markwardt aus Prenzlauer Berg hat sich mit Bier und Rotwein auf die Terrasse gesetzt. Seit Jahren kommen sie hierher und schätzen das gemischte Publikum: "Hier trifft man junge wie alte Menschen. Manche durchaus intellektuell angehaucht, aber nicht so schick wie in Teilen Prenzlauer Bergs", sagt der 57-jährige Lothar Markwardt. Außerdem sitze man nie aufeinander. Auch an gut besuchten Tagen könne man für sich sein. "Getrennte Gemeinsamkeit", nennt er das. Die Sitzgelegenheiten reichen von modernen Aluminiumsesseln über durchgesessene Korbstühle bis hin zu Stühlen mit DDR-Vergangenheit. Einige Hollywoodschaukeln geben ein regelmäßiges Quietschen von sich. "Ein bisschen wie vom Flohmarkt", meint Silvia Markwardt.
Andrea Spickermann findet die Betontreppe, auf der sie sitzt "ostig", das Ambiente sei aber berlinerisch. "Das Unfertige, das Unprofessionelle, das Improvisierte hier - das alles ist ein Stück Berlin", sagt sie.
Das Strandbad an der Berliner Allee, vor genau 130 Jahren eröffnet, zählt zu den ältesten öffentlichen Badeanstalten der Stadt. Damals durchtrennten noch Pfahlbauten den Strand und das Baden war eine streng nach Geschlechtern sortierte und von neugierigen Blicken geschützte Angelegenheit. Als vor sechs Jahren Oliver Schulz das Strandbad pachtete, kamen kulturelle Angebote ins Programm: Livemusik und Theater bietet er seither auch an. Einer der Höhepunkte war das Hörspielfestival vor einem Jahr. Mit einer Festwoche wird ab 28. August auch der Strandbad-Geburtstag gefeiert. Eine der Attraktionen: ein Drachenbootrennen.
Doch auch an gewöhnlichen Abenden hat das Bad seinen Reiz. Wenn sich der Himmel dunkelblau färbt, lässt der Feiertrubel nach. Das Strandbad zeigt sich nun von seiner romantischen Seite. Die Palmen, orange angestrahlt, werfen lange Schatten auf den Sand. Die Gäste rücken zusammen. Kleine, aus Frühstückstüten angefertigte Lampions erhellen ihre Gesichter. Elektronische Loungemusik strömt von der Terrasse herüber. Im dunklen Wasser sind noch immer einzelne Schwimmer sichtbar.
Andrea Spickermann wendet ihren Blick vom nächtlichen See ab. Es ist Zeit aufzubrechen. Morgen früh beginnt die Arbeit wieder. Auf den richtigen Urlaub muss sie noch etwas warten.