9. November

Die Welt feiert den Mauerfall

Durchbruch: Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte), flankiert von Ex-Präsident Michail Gorbatschow (links) und Liedermacher Wolf Biermann, überquert die ehemalige deutsch-deutsche Grenze an der Bornholmer Straße. Foto: dpa
Durchbruch: Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte), flankiert von Ex-Präsident Michail Gorbatschow (links) und Liedermacher Wolf Biermann, überquert die ehemalige deutsch-deutsche Grenze an der Bornholmer Straße.

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Hunderttausende Berliner und mehr als 30 internationale Staatsgäste erinnern an den 9. November 1989 / Merkel würdigt Bürgerrechtler / Spektakulärer Fall der Dominosteine

von Holger Schmale

Berlin - Mit bewegenden symbolischen Gesten, politischen Gesprächen und einem Fest am Brandenburger Tor haben Politiker und Bürger aus aller Welt die Öffnung der Mauer vor 20 Jahren gefeiert. Zu den besonderen Momenten gehörte der gemeinsame Gang von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem einstigen sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow und dem polnischen Gewerkschafter und Ex-Präsidenten Lech Walesa über die Bösebrücke an der Bornholmer Straße. Sie wurden von einstigen DDR-Bürgerrechtlern wie Marianne Birthler und Rainer Eppelmann begleitet. Der dort gelegene Grenzübergang war am Abend des 9. November 1989 unter dem Druck der anstürmenden Ost-Berliner als erster geöffnet worden.

In einer kurzen Ansprache würdigte die Kanzlerin den Tag des Mauerfalls vor 20 Jahren nicht nur als Feiertag für die Deutschen, sondern für ganz Europa und für alle Menschen. „Heute wächst eine neue Generation heran, der die Welt offen steht. Dafür hat es sich gelohnt zu kämpfen“, sagte Merkel. An Gorbatschow gewandt fuhr sie fort: „Sie haben mutig Dinge geschehen lassen. Das war mehr, als wir erwarten konnten.“

Die Staatsgäste dankten den Deutschen für die friedliche Revolution. US-Präsident Barack Obama forderte per Video, den Geist der Freiheit wachzuhalten: „Lassen Sie uns das Licht der Freiheit auch in den dunkelsten Nächten der Tyrannei aufrecht erhalten. Glauben wir an die Freiheit.“ US-Außenministerin Hillary Clinton sprach von einem neuen Morgen im Dunkel der Geschichte für die Welt.
Bundespräsident Horst Köhler empfing am Abend im Schloss Bellevue die Vertreter der einstigen Siegermächte, unter ihnen den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und Hillary Clinton, sowie Staats- und Regierungschefs aus mehr als dreißig weiteren Ländern. Er nannte die Öffnung der Grenze eine Epochenwende zu Freiheit und Demokratie. Im Nachhinein könne man viele Gründe für die friedliche Revolution in der DDR benennen. „Aber sie bleibt auch ein Wunder, und alles hätte anders kommen können, wenn nicht eine mutige Bürgerrechtsbewegung, kluge Staatsmänner wie George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl, aber wohl auch eine glückliche Fügung den Weg geebnet hätten.“ Köhler erinnerte auch an die Pogromnacht von 1938 und die Verfolgung jüdischer Bürger durch die Nationalsozialisten. „Der 9. November 1938 und der 9. November 1989 sind miteinander verbunden.“

Kanzlerin Merkel durchschritt am späten Abend mit den Staats- und Regierungschefs das hellerleuchtete Brandenburger Tor. Höhepunkt der Feierlichkeiten war der Fall der rund tausend bemalten Dominosteine, die zwischen dem Brandenburger Tor und dem Potsdamer Platz den Verlauf der Mauer markierten. Von Lech Walesa und dem ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Miklos Nemeth angestoßen, stürzten sie nacheinander um und symbolisierten so den Fall der Mauer. Hunderttausende vergnügten sich trotz nasskalter Witterung beim Fest der Freiheit vor dem Brandenburger Tor.

Berliner Zeitung, 10.11.2009