9. November

Die verschwundene Mauer

Max Fleming (18, l.) wurde in Kreuzberg geboren und kam als Kind in den Osten. Till Bussmann (18, r.) wohnt im Wedding und hat eine Mutter aus der DDR. Foto: Paulus Ponizak
Max Fleming (18, l.) wurde in Kreuzberg geboren und kam als Kind in den Osten. Till Bussmann (18, r.) wohnt im Wedding und hat eine Mutter aus der DDR.

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Studien sagen, die Jugend würde sich nicht mehr für die geteilte deutsche Geschichte interessieren. Vielleicht haben sie ja ihre eigene.

von Maxim Leo

Berlin - Till Bussmann überquert jeden Tag die Grenze, auch wenn er es meistens gar nicht merkt. Von seiner Wohnung im Wedding fährt er mit dem Fahrrad die Gartenstraße runter. Vorbei an den grauen Mietskasernen, den leeren Bürgersteigen, den türkischen Cafés. An der Bernauer Straße ist ein doppelt gepflasterter Streifen in die Fahrbahn eingelassen. Dort, wo einmal die Mauer stand. Wenn Bussmann mit dem Fahrrad über den Streifen fährt, rappelt es kurz. Dann wird es bunter und schicker, sagt er.

Bussmann würde die Gegend hinter dem gepflasterten Streifen nicht Osten nennen. Er sagt Mitte. Er sagt auch, dass die Stimmung hinter dem Streifen ganz anders sei als bei ihm zu Hause. Alles ist so stilvoll und cool. Die schönen, hellen Hausfassaden, diese Läden, in denen Sachen verkauft werden, die eigentlich niemand braucht. Wenn man ihm zuhört, könnte man denken, ein Ostler würde nach dem Mauerfall von seinem ersten Besuch im Westen erzählen. So haben sich die Dinge verändert, zwanzig Jahre danach.
Ohne von seinem Fahrrad aufzublicken könnte Bussmann jederzeit sagen, auf welcher Seite des Grenzstreifens er sich gerade befindet. Er sagt, das Pflaster der Gehwege sei anders. In Mitte liegen die Steinplatten in Reihen, im Wedding in Diagonalen. In Mitte fahren Straßenbahnen.

Achtzehn Jahre ist Bussmann alt, nächstes Jahr macht er Abitur, am John-Lennon- Gymnasium in der Nähe vom Rosenthaler Platz. Dort, wo Mitte so richtig mittig ist, etwa einen Kilometer von der ehemaligen Grenze entfernt. Die Schule ist ein vierstöckiger Backsteinbau mit einem grün bewachsenen Hof, auf dem Basketballkörbe und Tischtennis-Platten stehen. Bussmann weiß nicht, wie viele aus seiner Schule aus dem Westen kommen. „Es interessiert mich eigentlich nicht, weil es mir nichts über die Menschen sagt. Eher fragt man, ob einer lieber Fußball oder Basketball spielt“, sagt er.

In Bussmanns Fall wäre es auch schwer, eine eindeutige Auskunft über seine Herkunft zu geben. Seine Mutter kommt aus Rostock, der Vater aus dem Münsterland. Die Eltern hatten sich im Sommer 1989 auf einer Party in Ost-Berlin kennen gelernt. Er hat ihr seine Telefonnummer gegeben, in der Nacht des Mauerfalls hat sie ihn angerufen und sieben Monate später war sie schwanger. Erst als Bussmann das alles erzählt, fällt ihm auf, dass es ihn ohne den Mauerfall gar nicht gegeben hätte.

Sein Kumpel Max Fleming ist auch achtzehn Jahre alt und geht auf dieselbe Schule wie Bussmann. Aus irgendeinem Grund denken alle, Fleming käme aus dem Osten und mittlerweile stimmt das vielleicht sogar. Fleming sieht den Mauerfall nicht ganz so positiv. Er hätte in Kreuzberg bei seinen Freunden bleiben können, wenn die DDR noch ein bisschen durchgehalten hätte. Als er sechs war, sind seine Eltern mit ihm nach Birkenwerder, in den Norden von Berlin, gezogen. Ein eigenes Haus mit Garten, das war ihr Traum. In Kreuzberg hatte Fleming zwei junge, linksalternative Lehrerinnen, die sanft und fröhlich wie Weihnachtsengel waren und bei denen der Unterricht ein ziemlicher Spaß gewesen sein muss. In Birkenwerder duldeten die Lehrer keinen Widerspruch und nach der Schule saß er allein im Garten, langweilte sich und verfluchte diese verdammte Wiedervereinigung, die ihm dieses Schicksal beschert hatte.

Fleming sagt, er hätte sich in Birkenwerder als Westberliner gefühlt, später, als er zwölf war. Es sei so „ein falscher Stolz“ gewesen, eine Art, sich von den anderen zu unterscheiden. Ein bisschen cooler zu sein. Er wollte nicht auf diesem Dorf heimisch werden. Er hörte Sido, den legendären Westberliner Rapper, von dem man jetzt erst weiß, dass er eigentlich aus dem Osten kommt. Als Fleming in die sechste Klasse kam, trennten sich die Eltern, die Mutter zog nach Wedding, der Vater nach Mitte. Seitdem pendelt auch er zwischen diesen beiden Welten.

Till Bussmann hat sich immer unwohl gefühlt in der Grundschule im Wedding. In seiner Klasse kam mehr als die Hälfte der Kinder aus türkischen und arabischen Familien. „Die fanden es eher cool, wenig für die Schule zu machen und weil ich mich bemüht habe und in den meisten Fächern gut war, hatte ich kaum Freunde“, sagt er. Im Gymnasium in Mitte kommen die meisten Schüler aus gut situierten, bildungsbeflissenen Elternhäusern. „Es ist hier eine völlig andere Welt als dort“, sagt er. Bussmann überlegt einen Moment. „Ich glaube, es geht heute in Berlin nicht mehr um Ost und West, sondern um Oben und Unten.“

Er sagt, es gebe diese vielen Leute, die von Anfang an wenig Chancen haben. Weil sie kein Geld und keine Bildung haben und weil das immer mehr zusammen zu gehören scheint. Seine Mutter hat ihm erzählt, wie es damals in der DDR war, als nicht so früh sortiert wurde, als alle Schüler zehn Jahre lang an derselben Schule waren, die Schwachen und die Starken. Das war gerechter, findet er.

Für Bussmann ist die DDR etwas, das nicht funktioniert hat, weil die Leute gezwungen wurden, weil alles verordnet war. In der Theorie findet er den Sozialismus gut, er weiß nur nicht, ob es in der Praxis jemals ohne Zwang klappen würde. Seine Mutter hat ihm nicht viel von der DDR erzählt. Er weiß, dass sie als Mädchen in Rostock drei Mal die Woche tanzen war und dass sie manchmal, nach einer durchgetanzten Nacht, frische Brötchen vom Bäcker geholt haben und am Strand dem Sonnenaufgang zusahen. Er weiß auch von dem Onkel, der in Rostock im Stasi-Gefängnis saß und der daran heute noch leidet. Bussmann hat es nie gewagt, den Onkel danach zu fragen. Und so ist sein Bild von dieser DDR ziemlich unscharf geblieben. Eine Mischung aus Sonnenaufgang und Stasi-Gefängnis.

Manchmal sind sie in den Ferien zu den Verwandten nach Rostock gefahren. Selbst dort sah das Stadtzentrum irgendwann schicker aus als der Wedding, sagt Bussmann. Es ist nicht so, dass er sich darüber beschweren würde, aber er wundert sich manchmal, wie ausgiebig sich die Leute im Osten beschweren.

Die schönste Straße in Berlin ist für ihn die Karl-Marx-Allee. Diese schlicht-pompösen Paläste, die breiten Gehwege, überhaupt die Weite dort, das gefällt ihm. Einmal ist Bussmann zusammen mit seinem Vater die Karl-Marx-Allee lang gefahren und der fand den Architektur-Geschmack seines Sohnes etwas merkwürdig. Der Vater redete vom Unrechtsstaat, vom großen System, das den kleinen Menschen verachtet, was sich eben an dieser Architektur ablesen lasse. Dabei, sagt Bussmann, wollte er gar nicht Marx huldigen, sondern nur der Straße, die nach ihm benannt ist.

Bussmanns Schulkumpel Max Fleming sagt, er fühle sich als Berliner. Dieses ganze Gerede von Ost und West interessiert ihn nicht besonders. Auch das Theater, das jetzt um den Mauerfall gemacht wird, berührt ihn nicht. Er kennt die Geschichten von den Flüchtlingen, von den Demonstranten, von der historischen Nacht. Aber er muss diese Geschichten nicht immer wieder hören.
Fleming sagt, man könne an den Eltern erkennen, welche Schüler aus dem Osten oder aus dem Westen kommen. Den Ost-Eltern seien materielle Sachen nicht so wichtig. Sie hätten kleinere Autos und kleinere Wohnungen, aber das sei für sie nicht so schlimm. Die neue Freundin seines Vaters kommt auch aus der DDR. „Man merkt den Unterschied. Die muss immer alles planen und die sagt auch nicht ,Tempo‘ sondern ,Taschentuch‘.“ Er stellt sich die DDR wie ein Dorf vor. „Es gab nichts und jeder tauschte mit jedem.“ Aber eigentlich, sagt er, spiele das alles in seinem Leben gar keine Rolle mehr.

In einer großangelegten Studie, die im vergangenen Jahr erschienen ist, wurde festgestellt, dass der Blick der heutigen Jugendlichen auf die untergegangene DDR immer milder wird. Im Osten konnte sich kaum noch eine Mehrheit der jungen Leute dazu durchringen, die DDR als Diktatur zu bezeichnen. Und auch die Kenntnisse über die Zeit der deutschen Teilung, so schrieben die Wissenschaftler erschrocken, seien in beiden Landesteilen recht dürftig. Die Verfasser der Studie erklären, das Interesse der Schüler an der Vergangenheit nehme ab, was mit ihrer mangelnden politischen Kultur im Allgemeinen zu tun habe.

Vielleicht könnte man den Befund der Wissenschaftler aber auch ganz anders verstehen. Womöglich ist das geringe Interesse der heute Achtzehnjährigen an der geteilten deutschen Vergangenheit so zu erklären, dass sie sich nicht mehr geteilt fühlen. Dass die DDR und die alte BRD keine Rolle mehr für sie spielen, weil sie ganz andere Probleme haben. Vielleicht ist gerade dies der Beweis dafür, dass die deutsche Einheit bei denen längst vollzogen ist, die nach dem Mauerfall geboren wurden. Zumindest, wenn sie in Berlin-Mitte zur Schule gehen.

Max Fleming sagt, das wichtigste politische Ereignis in seinem Leben sei der Ausbruch des Irakkrieges im März 2003 gewesen. Da war er zum ersten Mal auf einer Demonstration, mit einem selbstgemalten Plakat und einer ziemlichen Wut im Bauch, weil die USA völkerrechtswidrig in den Irak einmarschiert waren und irgendwie klar war, dass es gar nicht um Menschenrechte, sondern nur um Macht ging. Er weiß selbst nicht, ob er das damals alles schon verstanden hat, weil er ja erst zwölf war, aber geprägt hat ihn das damals sehr, sagt er.

Fleming kann sich vorstellen, dass es seinen Eltern mit dem Mauerfall ähnlich ging. Er sagt, wahrscheinlich könne man immer nur an den Dingen hängen, die man selbst erlebt hat. Weil sich Gefühle nicht einfach so weiterreichen lassen.
Statt in die Vergangenheit, sehen Bussmann und Fleming in die Zukunft. Beide wissen schon recht genau, was sie später mal machen wollen. Fleming will wie seine Eltern beim Fernsehen arbeiten, Bussmann möchte Volkswirtschaft studieren und als Manager in einem Unternehmen arbeiten. Er will Geld verdienen und eine Familie gründen. Das klingt alles recht pragmatisch und vernünftig. Beide sagen, sie hätten keine Zeit zu verlieren, man wisse ja, dass der Arbeitsmarkt immer härter werde. Man müsse heutzutage mobil, engagiert und flexibel sein. Und man dürfe nicht glauben, dass ein Job für das ganze Leben reicht.

Nach dem Abitur wollen beide ein soziales Jahr im Ausland verbringen. Bussmann hatte überlegt, ob er nicht einfach so mal ein bisschen rumfahren sollte, aber er sagt, die Arbeitgeber würden solche Leerstellen im Lebenslauf gar nicht schätzen. Deshalb das soziale Jahr, am liebsten in Südamerika.
Bussmann setzt seine rote Mütze auf, steigt auf sein Fahrrad und fährt los. Richtung Wedding, nach Hause.

Berliner Zeitung, 07.11.2009