Durchs Abwasser in den Westen
Foto: Wassermuseum
Weit verzweigtes Tunnelsystem unter Berlin. "Die Abwasserkanäle ließen sich nicht so einfach trennen", sagt Heinz Tessendorff, ehemals Vorstand der West-Berliner Wasserbetriebe.
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Eine Ausstellung zeigt, wie die DDR im Untergrund mauerte
Karin Schmidl
Das DDR-Regime hat sich sehr bemüht, damit seine Bürger da bleiben. Oben, auf den Straßen Berlins, ließ es ab August 1961 die Mauer bauen, um die immer größer werdende Fluchtbewegung seiner Bürger zu stoppen. Jeder kennt die Bilder. Doch dass auch im Untergrund Sperrgitter in den Westen Strebende zurückhalten sollten, ist kaum bekannt. Während die Trinkwasserversorgung bereits seit Anfang der 50er-Jahre im Ost- und Westteil getrennt war, blieb das Abwassersystem lange Zeit ein gesamtstädtisches. Eine Ausstellung informiert von heute an im Museum der Wasserbetriebe in Friedrichshagen über die Teilung im Untergrund.
"Die Abwasserkanäle ließen sich nicht so einfach trennen", sagt Heinz Tessendorff. Der heute 78-Jährige war lange Jahre Vorstand der West-Berliner Wasserbetriebe. Das Entwässerungssystem der Stadt existiert seit 1873. Der damalige Baurat James Hobrecht ließ die Abwässer durch Kanäle leiten, jeweils abschüssig von Ost nach West oder umgekehrt. Pumpen führten die Brühe danach zu den Rieselfeldern außerhalb der Stadt. Die Rieselfelder wurden später durch Klärwerke ersetzt.
1961 gab es 93 Kanäle, die unter der Mauer hindurch verliefen - was ein Problem für die DDR-Oberen war. Rund 200 Fluchtversuche durch dieses Kanalsystem soll es gegeben haben. Wie viele es genau waren und wie viele davon erfolgreich waren, konnten die Ausstellungsmacher nicht ermitteln. Bis Herbst 1961 sollen aber mindestens 156 DDR-Bürger das Land durch den Untergrund verlassen haben. Einer der am meisten genutzten Kanäle war der unter der Gleimstraße zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Tessendorff: "Ich erinnere mich auch an die letzte gelungene Flucht 1980 durch einen Abwasserkanal in den Teltowkanal nach Marienfelde."
Die "zuständigen DDR-Organe" hatten auch für den Untergrund ein Grenzregime entwickelt. Seit den 50er-Jahren ließen sie Sperrgitter in Kanäle bauen. Nach dem Mauerfall fand man 75 dieser Gitter, zwei von ihnen sind in der Ausstellung zu sehen. Eines besteht aus Eisenbahnschienen, das andere aus Stahlrohren. Die Sperrgitter waren so perfide wie effizient: Die Rohre drehten sich und waren zudem aus besonders hartem Stahl - damit sollte das Zersägen verhindert werden. Zudem waren sie mit Signalgebern zum nächsten Grenzposten ausgestattet.
Doch diese Sperrgitter hatten für die gesamte Stadt Konsequenzen: Es blieb häufig etwas an ihnen hängen, die Kanalisation verstopfte. "Je nachdem, auf welcher Seite das war, mussten schnell Reinigungstrupps geschickt werden", sagt Günter Kley, der im Ost-Berliner Wasserbetrieb arbeitete. Für Informationen über solche Havarien gab es sogar eine direkte Ost-West-Telefonverbindung. Die DDR-Kanalreiniger wurden bei der Arbeit nicht selten von Grenzern überwacht. Die Sperrgitter wurden nach dem Mauerfall als Erstes abgebaut. Tessendorff: "Es hat Monate gedauert, bis wir alle gefunden haben."
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Die Ausstellung "Zeugnisse der Spaltung" im Wassermuseum, Müggelseedamm 307; die Tram 60 endet etwa 150 Meter entfernt. Geöffnet ist Di-Fr 10-15; So und feiertags 10-16 Uhr. Eintritt 2,50, erm. 1,50 Euro.
Berliner Zeitung, 06.11.2009