Berlin

Rückzug

Walter Momper geht in Rente

Walter Momper Foto: ddp
Walter Momper

von Thomas Rogalla

Berlin - Im Jahr 1975 entführt die Terror-Bewegung 2. Juni den Berliner CDU-Vorsitzenden Lorenz. Die Bundesregierung verhandelt mit der DDR über sichere Verbindungen zwischen Berlin und dem Bundesgebiet. Die Filmfestspiele begehen in Berlin (West) ihr 25-jähriges Jubiläum. Im April 1975 wird der Niedersachse, Politologe und SPD-Kreisvorsitzende des Bezirks Kreuzberg Walter Momper ins Abgeordnetenhauses gewählt.

Jetzt ist Momper, der frühere Regierende Bürgermeister und jetzige Präsident des Abgeordnetenhauses, 65 Jahre alt. Und mit ungefähr gut 66 Jahren soll Schluss sein mit der Politik im Parlament. Bei der Wahl für das Abgeordnetenhaus im kommenden Herbst will Momper nicht mehr antreten. „Das haben meine Frau und ich vor einem Jahr entschieden“. Das teilt Momper auf Anfrage mit, aber da viele seiner SPD-Genossen ihn nicht gefragt haben, wissen sie nichts davon, dass eine der herausragenden politischen Figuren der Berliner Politik abtreten will.

Ein gewisser Überdruss


Seine Frau Anne sei vor zwei Jahren als Lehrerin pensioniert worden, nennt Momper als einen Grund, nicht mehr zu kandidieren. „Da haben wir Zeit, zusammen herumzureisen“. Aber einen gewissen Überdruss an der Berliner Landespolitik gibt er auch zu Protokoll. „Auch in der Politik wiederholt sich vieles“, sagt er.

Ihm dürfte klar sein, dass ihm die Berliner SPD kaum noch einmal Abwechslung in Form eines Spitzenamtes anbieten wird – obwohl 65 heutzutage kein Alter ist und Parteichef Michael Müller sagt: „Über eine vergleichbar große, beeindruckende Erfahrung wie Walter Momper verfügt wohl kein anderer aktiver Politiker in Berlin.“

Die nutzt die Partei zwar hin und wieder, indem sie Momper um Rat fragt, aber sie hat zu ihrem verdienten, selbstbewussten, mitunter ins Selbstherrliche tendierenden Genossen über die Jahre ein zwiespältiges Verhältnis entwickelt. Gut war es, als Momper im Frühjahr 1989 überraschend die Wahl gegen Eberhard Diepgen (CDU) gewann und mit der Alternativen Liste den ersten rot-grünen Senat bildete. Nach dem Mauerfall wurde er als „Mann mit dem roten Schal“ der nach Willy Brandt weltweit wohl bekannteste deutsche Sozialdemokrat. Momper schwärmt von dieser Zeit, als er vom Westen aus den zu erwartenden Ansturm bei der Maueröffnung managte, als sich die Großen dieser Welt in Berlin die Klinke in die Hand gaben und als ihm der Spruch „Berlin, nun freue dich“ einfiel.

„Realistisch, klug, autoritär“ sei Momper als Regierender Bürgermeister damals gewesen, erinnert sich die damalige grüne Schulsenatorin Sibylle Volkholz. Etliche seiner damals acht Senatorinnen hatten mitunter vor Wut Tränen in den Augen, wenn Momper sie in der Senatssitzung angeherrscht hatte.

Momper ist eben so. „Man kann nicht alles moderieren, vieles bleibt streitig und muss dann eben entschieden werden,“ sagt Momper – so wie jetzt der Konflikt in der SPD um die Autobahn A 100. Die rot-grüne Koalition zerbrach 1990 vorzeitig. Das Verhältnis zwischen Momper und der SPD war lange zerrüttet, etwa als er 1992 ideologisch unkorrekt ausgerechnet in die Immobilienbranche einstieg. Vor der Wahl 1995 unterlag er Ingrid Stahmer bei der Spitzenkandidatur, 1999 wurde er zwar noch einmal als Herausforderer Eberhard Diepgens nominiert, die SPD stürzte jedoch auf 22,4 Prozent ab.
Seit 2001 ist Momper Parlamentspräsident, aber über den Dingen zu stehen, fällt ihm nach eigenem Bekunden mitunter schwer. Die Opposition klagt, seine Amtsführung sei parteilich.

All das rutscht allmählich in die Fußnoten der Geschichtsbücher, wie der Historiker Momper weiß. In den Haupttexten über die Vereinigung Berlins und Deutschlands bleibt er der Mann mit dem roten Schal.

Berliner Zeitung, 30.6.2010