Berlin

Stadtreinigung

Ein Platz an der Tonne

Für Berliner Abfälle en gros interessieren sich sehr die BSR (re.) und Alba. Foto: ddp
Für Berliner Abfälle en gros interessieren sich sehr die BSR (re.) und Alba.

von Jan Thomsen

Berlin - Militärmetaphern scheinen auf den ersten Blick stark übertrieben, wenn es um das Thema Haushaltsabfälle geht. Doch wirtschaftlich gesehen tobt in der Tat eine Art „Müllkrieg“ zweier Branchenriesen um die Hauptstadt, wie der jüngste Streit schon allenthalben betitelt wird: Gegner sind die landeseigene Müllabfuhr BSR, finanziert vom Gebührenzahler, und der private Entsorgungskonzern Alba AG, der sich selbst gern „Familienunternehmen“ nennt, was bei mehr als 6500 Mitarbeitern an mehr als 100 internationalen Standorten mit einem Umsatz von gut einer Milliarde Euro eher euphemistisch wirkt. Auch die BSR ist nicht eben klein: Als kommunalem Entsorger mit gut 5 300 Beschäftigten und einem Umsatz von knapp einer halben Milliarde Euro steht ihr gesetzlich der Haushaltsmüll der Stadt zu, gut 1,2 Millionen Tonnen jährlich.

Die neueste Schlacht der beiden Berliner Müll-Grossisten dreht sich um Wertstoffe im Hausmüll und damit letztlich um millionenschwere Umsätze: Zwar werden in Berlin längst Glas, Papier, Verpackungen und Bioabfälle getrennt gesammelt, doch nach einer Untersuchung der BSR stecken im Hausmüll immer noch rund 20 Prozent recycelbare Stoffe wie Plastik, Metalle, Holz oder Textilien. Da die Bundesregierung ein neues Abfallgesetz plant, das die Recyclingquote (wie auch auf EU-Ebene vorgeschrieben) erhöhen soll, erprobt die Berliner Stadtreinigung derzeit ein Wertstoff-Sammelsystem unter dem Namen „Orange Box“. An 10 000 Standorten soll eine solche orangefarbene Tonne bald stehen, hinein sollen die beschriebenen Wertstoffe in Form von Altholz, Spielzeug oder Elektrokleingeräten wie Radios und Rasierapparaten. Stadtweit ließen sich so 50 000 Tonnen Wertstoffe sammeln, sagt die BSR. Das wäre unproblematisch, hätte die Firma Alba nicht schon die gleiche Idee gehabt: Alba bietet seit 2005 eine „Gelbe Tonne Plus“ an, bisher für etwa 370 000 Haushalte in großen Wohnanlagen, das ist immerhin fast jeder fünfte Haushalt in der Hauptstadt. Die Recyclingexperten von Alba, in Berlin seit Jahren für die Verpackungen in der Gelben Tonne (mit dem „Grünen Punkt“) zuständig, wollten mit dem „Plus“ genau die Wertstoffe aus dem Hausmüll abschöpfen, die nach BSR-Plan künftig in die Orange Box gehören.

Der Unterschied: Beim Alba-System teilt sich das Privatunternehmen die durch weniger Restmüll eingesparten Gebühren mit den Hauseigentümern. Ein gutes Geschäft für alle – außer für die BSR, die Umsatzeinbußen hinnehmen musste. Senatsumweltverwaltung und BSR tolerierten diesen „Müllklau“ durch Alba lange Zeit, auch weil der Landesbetrieb kein eigenes System hatte. Mit der Orange Box soll das anders werden: Die Stadtreinigung wirbt damit, dass die Müllgebühren insgesamt sinken, wenn sie die Wertstoffe selbst sammelt und verwertet – und dadurch eigene graue Tonnen ersetzt, die teurer sind. Niedrige Müllgebühren seien das gesetzlich vorgeschriebene Ziel des Landesbetriebs, sagt BSR-Sprecherin Sabine Thümler. „Es kann ja nicht sein, dass die BSR auf dem doofen Rest sitzen bleibt, während andere sich die Rosinen rauspicken“, heißt es etwas salopp in der Umweltverwaltung von Senatorin Katrin Lompscher (Linke).

Die Behörde hat angekündigt, Alba die geplante Ausweitung seines Systems als „Berliner Wertstofftonne“ zu untersagen. Alba droht jetzt schon mit einer Klage dagegen. Die nächste Kriegserklärung ist also längst formuliert.

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Im Hausmüll stecken 20 Prozent Wertstoffe


Analyse:
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat nach eigener Analyse des Mülls in den grauen Tonnen knapp 20 Prozent Wertstoffe entdeckt – die sie künftig gern getrennt in einer „Orange Box“ sammeln würde. Gemeint sind Holz, Kunststoffe, Metalle, Textilien. Ihre Verwertung will die BSR ausschreiben, was besonders mittelständische Unternehmen interessiert.

Duales System: Verpackungen mit dem „Grünen Punkt“ (Duales System) haben – trotz gleichen Materials – damit nichts zu tun: Deren Verwertung und Sammlung in der Gelben Tonne ist bereits durch Ladenaufpreis bezahlt.

Berliner Zeitung, 30.6.2010