Berlin

Alles nur ein Ausrutscher?

Mancher Sturz geht glimpflich aus, doch viele Menschen verletzen sich schwer. Foto: dpa
Mancher Sturz geht glimpflich aus, doch viele Menschen verletzen sich schwer.

Weil Räumdienste mit milden Wintern kalkuliert haben, fehlt nun das Personal zum Streuen

von Thorkit Treichel

Berlin - Knochenbrüche, Prellungen, Kopfplatzwunden: Hunderte Passanten stürzten am Freitag auf spiegelglatten Gehwegen und zogen sich zum Teil erhebliche Verletzungen zu. Die Feuerwehr war mit 60 Rettungswagen im Einsatz, um die Verletzten in die Kliniken zu bringen. Allein im Unfallkrankenhaus in Marzahn wurden rund 70 Patienten versorgt, die auf Grund der Glätte gestürzt waren. „Viele Menschen haben komplizierte Sprung- oder Handgelenksbrüche erlitten“, sagte Gerrit Matthes, Oberarzt in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie. Behandelt werden mussten auch Menschen, die sich beim Wintersport, zum Beispiel beim Rodeln, verletzt hatten.

Auch vor der Rettungsstelle im Vivantes-Klinikum in Friedrichshain fuhr ein Rettungswagen nach dem anderen vor.„Normalerweise kommen wir mit einem Unfallchirurgen aus. Heute sind drei notwendig“, sagte Chefarzt Daniel Schachinger. Es habe alle Altersstufen gleichermaßen getroffen. „Von der Mutter mit dem Baby im Arm, über Berufstätige bis hin zu alten Menschen.“

S-Bahn und BVG meldeten hingegen keine winterbedingten Beeinträchtigungen. Lediglich der 218er Bus konnte die Havelchaussee nicht befahren. Auf allen anderen Straßen rollte der Verkehr relativ reibungslos. Die Hauptverkehrsadern waren geräumt – im Gegensatz zu den Bürgersteigen, wo sich seit Wochen Schnee und Eis auftürmt. „Die Straßen sind frei, und die Fußgänger brechen sich den Hals“, sagte der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Daniel Buchholz. Die Mitarbeiter der Ordnungsämter müssten verstärkt kontrollieren, ob Gehwege geräumt sind. „Und wenn dem nicht so ist, müssen sie Anzeigen schreiben und gegebenenfalls nach 48 Stunden einen Winterdienst beauftragen.“

Viele private Hauseigentümer sowie die von den Bezirken beauftragten Winterdienste, die Gehwege vor öffentlichen Gebäuden räumen und streuen müssen, kommen ihren Pflichten nicht nach. „Heute morgen um kurz vor acht Uhr waren die Wege vor dem Rathaus Tiergarten nicht begehbar, obwohl unser Dienstleister bis sieben Uhr hätte räumen und streuen müssen“, sagte Stadtrat Carsten Spallek (CDU), der in Mitte für die bezirkseigenen Gebäude zuständig ist. Erst nach neun Uhr rückte der Winterdienst an. „Der hat in den milden Wintern der vergangenen Jahre seine Pauschale fürs Nichtstun kassiert und Personal abgebaut. Jetzt kommt er mit den Aufträgen nicht mehr hinterher“, kritisierte der Stadtrat. In seinem Bezirksamt seien bereits 300 Anzeigen wegen nicht erfolgter oder mangelhafter Schneeräumung eingegangen. „Haftbar ist der Winterdienst“, sagte Spallek. Der Stadtrat will Teile des vereinbarten Honorars einbehalten und den Vertrag mit dem Dienstleister, der Ende März ausläuft, neu ausschreiben.

Stephan Schwarz, Geschäftsführer der Gebäudereinigungsfirma GRG Services, leistet mit der Tochtergesellschaft Schneebeseitigung Nord auch Winterdienste. „In den vergangenen Jahren hat es bei öffentlichen Ausschreibungen einen Preisverfall gegeben“, sagte Schwarz, der zudem Präsident der Handwerkskammer ist. Seine Prognose: „Viele Billiganbieter werden nach diesem extremen Winter vom Markt verschwinden, weil sie sich verkalkuliert haben. Und das Preisniveau wird wieder steigen.“

Die Schneebeseitigung Nord ist für große Teile von Reinickendorf, aber auch für das Bundeskanzleramt zuständig. 100 Mitarbeiter sind derzeit im Einsatz. „Wir erfüllen unsere Verträge, aber wir kommen kaum noch hinterher“, so Schwarz. Sein Winterdienst habe fünf Mal so viel Streugut wie in normalen Wintern verbraucht, insgesamt 2 000 Tonnen. Während Schwarz noch Vorräte hat, ist vielen anderen das Streugut ausgegangen. In Supermärkten stieg der Absatz von Kochsalz merklich.

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Hauptstraßen zuerst


Die Berliner Stadtreinigung (BSR) ist für das Räumen und Streuen der Straßen zuständig. Vorrangig werden die 18 000 Fußgängerüberwege und die Hauptverkehrsadern von Schnee und Eis befreit, die eine Länge von 4 000 Kilometern haben.

Für Nebenstraßen besteht keine Streupflicht. Die BSR räumt nach eigenen Angaben diese Wohnstraßen bei einer Schneehöhe ab drei Zentimetern.

Für Gehwege sind die Hauseigentümer zuständig und vor öffentlichen Gebäuden und Plätzen müssen die Bezirksämter für begehbare Bürgersteige sorgen. Sie können jedoch private Winterdienste beauftragen.

Wer bei Schnee und Glätte stürzt, kann den Reinigungspflichtigen, also den Anlieger, die Stadt oder das beauftragte Unternehmen, haftbar machen. Anwälte sagen, dass Betroffene möglichst einen Zeugen haben sollten und dass den Gestürzten häufig auch ein Mitverschulden zugewiesen wird, weil sie bei eisglatten Wegen im Zweifel eben einen Umweg hätten machen müssen.

Berliner Zeitung, 06.02.2010