Berlin - Er hat derzeit einen der wohl härtesten Jobs der Stadt: Thomas Pfitzner ist Postbote. Tagaus, tagein lenkt der 53-Jährige sein Fahrrad durch die Straßen von Bohnsdorf im Südosten von Berlin. Wobei von lenken in diesen Tagen eigentlich keine Rede sein kann. Es ist eher eine Mischung aus Schlingern, Rutschen und Ausweichen, die seine Fahrweise am besten beschreibt. So einen Winter, sagt Pfitzner, der seit acht Jahren diese Route fährt und seit 20 Jahren bei der Post arbeitet, habe er noch nicht erlebt. Und dabei ist die Kälte momentan längst nicht das Schlimmste für die mehreren tausend Berliner Postzusteller. Es sind die durch Schnee und Eis nahezu unpassierbaren Straßen und Wege.
Wer wie Pfitzner am Stadtrand Briefe verteilt, kann schon froh sein, wenn er mal einige hundert Meter auf einer geräumten Hauptverkehrsstraße radeln kann. Doch die meisten seiner fast 700 Kunden wohnen in Einfamilienhäusern in schlecht oder gar nicht geräumten Seitenstraßen. An diesem Freitag – vor dem Wochenende sind die gelben Posttaschen besonders voll – biegt der Mann mit dem Schnauzbart in solch eine „Schnee- und Eisgasse“ ein. Im Kreuzungsbereich ist der Schnee hellbraun und bröselig. Das Fahrrad schlingert. Pfitzner muss absteigen und schieben, obwohl er das nicht gerne macht, weil dadurch Zeit verloren geht und das Schieben körperlich sehr anstrengend ist. Es braucht einiges an Muskelkraft, um das voll beladene Rad durch den Schnee zu schieben. Aber es hilft nichts. „Dieser Schnee hier ist wie Ostseesand. Man kann nicht durchfahren“, sagt der Kaulsdorfer.
Glücklicherweise ist er bislang nicht gestürzt, hat sich nichts gebrochen. Manche seiner Kollegen hatten da weniger Glück.
Der Weg zum nächsten Briefkasten an der Straße ist durch einen Schneehaufen versperrt. Pfitzner steigt vom Rad und kraxelt auf den Haufen, um von oben an den Briefschlitz zu gelangen. Normalerweise würde er hier die Post schnell im Vorbeifahren einwerfen, wäre in ein paar Minuten fertig mit der Straße. Jetzt dauert seine 30-Kilometer-Tour schon mal eine Dreiviertelstunde länger als sonst. Als Pfitzner vom Schneeberg runterschlittert, fährt ein Mann in einem roten Opel vorbei. Durch die Schneehaufen am Wegrand ist die Straße viel enger als sonst. Das Auto kommt nicht an dem gelben Fahrrad vorbei. Der Fahrer ruft dem Postboten zu, er solle „seine Karre“ beiseite nehmen. „Du brauchst mehr Platz als ein Müllauto“, schimpft der Automann.
In diesem Winter bleibt nicht jeder freundlich. „Aber die meisten meiner Kunden sind nett und haben Verständnis“, sagt Pfitzner. „Sie sehen ja, unter welchen Umständen ich arbeite und leiden selbst unter dem Winter.“ Manchmal bekommt er sogar einen heißen Tee am Gartenzaun. Aber der meckernde Autofahrer hat auch sein Gutes für den Radler: Sein Auto pflügt eine frische Fahrrinne in den Schnee. Solche festgefahrenen Rinnen nutzt der Postbote als Radspur. Bis die nächste Eispfütze kommt, die über Nacht zugefroren ist, und er wieder absteigen muss. Da hilft nur ein flotter Spruch: „Die Kati Witt, die hätte sich gefreut über so viel Eis!“
Eine gute Ausrüstung ist bei diesem Wetter alles. An den gefütterten Winterschuhen heften Spikes, die besseren Halt geben. Wenn es taut, werden die Schuhe gegen Gummistiefel getauscht. Die Thermoskanne mit heißem Zitronentee ist immer dabei. Genauso wie der Schokoriegel für die Energie. Und der kleine Motor am Fahrrad hilft, damit man besser anfahren kann und nicht so viel treten muss.
Pfitzner hat bislang jede Tour geschafft und alle Briefe zugestellt. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Briefträger müssen sich auf spiegelglatten Wegen nicht selbst in Gefahr bringen. Im Schnitt bräuchten die Postboten derzeit täglich eine Stunde länger, sagt Post-Sprecherin Anke Baumann. In Einzelfällen müssten Touren abgebrochen werden, weil sonst die maximal zulässige Arbeitszeit von zehn Stunden pro Tag überschritten würde. Die Überstunden aus dem Winter werden in einem Zeitkonto erfasst und können später abgegolten werden. Bezahlt werden sie nicht.
Thomas Pfitzner wünscht sich jeden Tag den Frühling herbei. Einen Vorteil hat der Winter aber auch: Des Postboten ärgster Feind ist derzeit nicht so häufig anzutreffen wie sonst: Auch Hunde mögen bei dem Wetter nicht gern raus.