Königs Wusterhausen - Sie war schön warm angezogen, als sie am Mittwoch von Groß Köris (Dahme-Spreewald) nach Berlin zu einer Freundin reiste. Jennifer wusste, dass die kälteste Nacht des Winters bevorstand. Doch die 16-Jährige hatte nicht damit gerechnet, dass sie bei der Rückfahrt aus dem Zug fliegen, dass sie nachts eine Stunde lang auf einem Bahnhof bitterlich frieren und weinen würde. Denn ihr fehlten 1,80 Euro, um eine Schaffnerin glücklich zu machen.
Die Uniformierte warf die Minderjährige raus, obwohl die Deutsche Bahn dies nach ähnlichen Vorfällen strengstens verboten hatte.
Warten bei minus 18 Grad
„Bei uns in Groß Köris gibt es keinen Schalter, keinen Automaten“, sagte ihre Mutter Julia Reischl am Donnerstag. „Deshalb hat meine Tochter ihr Ticket wie immer im Zug gekauft.“ Der Fahrschein für die Hinfahrt kostete 5,10 Euro. Jennifer hob sich extra Geld für die Rückfahrt auf. Doch als sie abends im Regionalexpress aus Berlin saß, wollte die Schaffnerin 7,10 Euro – zwei Euro mehr, weil sie das Ticket nicht in Berlin auf dem Bahnhof gekauft hat. Doch Jennifer hatte nur 5,30 Euro.
Die Schaffnerin blieb unerbittlich, nahm Jennifers Geld und wollte sie in Königs Wusterhausen aus dem Zug setzen. Von dort sind es noch drei Stationen oder zwölf Bahn-Minuten bis Groß Köris. „Jennifer rief mich mit dem Handy an“, erzählte ihre Mutter gestern.
„Sie war völlig aufgelöst, weinte. Ich wollte mit der Schaffnerin verhandeln, ob es eine Möglichkeit gibt, dass Jennifer im Zug bleiben kann.“ Doch die Schaffnerin habe sich geweigert, mit der Mutter zu reden, wollte auch keine 40-Euro-Strafe, damit Jennifer im Zug bleiben könne. „Ich hörte, wie meine Tochter sie angebettelt hat, dass sie nicht aus dem Zug fliegt“, sagte sie.
Der Zug fuhr ohne Jennifer weiter. „Sie stand bei minus 18 Grad ohne Geld auf dem Bahnhof“, sagte die 34-Jährige. Sie selbst war auf Nachtschicht in Berlin, konnte ihre Tochter nicht abholen. Sie fand aber einen Bekannten, der Jennifer mit dem Auto holte. Eine Stunde musste Jennifer in der Kälte auf dem geschlossenen Bahnhof ausharren.
„Das Mädchen hätte sich ganz klar vor der Abfahrt ein Ticket kaufen müssen“, so Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. „Aber es ist eine absolut inakzeptable Reaktion der Schaffnerin, eine Minderjährige ohne Geld aus dem Zug zu setzen.“ Wieseke glaubt nicht an einen Zufall. „Wie groß muss der Druck, Geld einzunehmen, bei den Schaffnern sein, wenn sie so reagieren?“ Bei dieser Eiseskälte wäre selbst ein Erwachsener ohne Geld eine recht hilflose Person. „Wenn die Schaffnerin schon glaubt, eine Minderjährige aus dem Zug werfen zu müssen, hätte sie das Mädchen zumindest in die Obhut der Bahnpolizei übergeben müssen.“
Bei der Deutschen Bahn war die Zerknirschung gestern groß. „Wir sind sehr betroffen über den Vorfall, vor allem bei dieser Kälte gibt es nichts zu diskutieren“, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. „Auch die Schaffnerin bedauert ihr Fehlverhalten aufrichtig.“ Sie hätte das Geld per Überweisung nachfordern können und das Mädchen hätte nach Hause fahren können. Der Vorgang werde disziplinarische Konsequenzen haben, kündigte der Sprecher an. Die Bahn wolle mit Jennifer und deren Mutter über eine „Wiedergutmachung“ sprechen.
Bundesweit war die Empörung wegen ähnlicher Fälle bereits im Winter 2008 hochgekocht. Damals wurden alle Schaffner schriftlich verpflichtet, „Minderjährige unter keinen Umständen“ aus Zügen zu verweisen. „Das gilt natürlich weiterhin“, sagte der Sprecher.
Jennifer hatte in der Nacht nach dem Rauswurf aus dem Zug kaum geschlafen, bekam Fieber und ging einen Tag nicht in die Schule. „Sie verpasste eine Chemie-Arbeit“, sagte die Mutter. „Die wollte sie nun noch schnell nachschreiben, denn am Freitag gibt es doch Zeugnisse.“
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Meistens Mädchen
Für Aufregung sorgten seit Winter 2008 Vorfällen, bei denen Schaffner mehrfach Schüler aus Züge verwiesen – auch nachts. Sie hatten keine Fahrkarte, kein Geld, ungültige oder vergessene Schülerausweise.
Die Bahn sprach stets von Einzelfällen, entschuldigte sich meist und verteilte Blumen und Fahrkarten. An alle Schaffner erging die Weisung, keine Minderjährigen mehr aus Zügen zu werfen.
Auffällig ist, dass bei den bekannt gewordenen Fällen meist Mädchen betroffen sind. Unklar ist, ob Jungs öfter Tickets dabei haben oder ob sich Schaffner nicht trauen, mit pubertären Jungs anzulegen.