Berlin

Türkische Väter wollen Kitas stärken

Kazim Erdogan (55) hat Berlins erste türkische Männergruppe gegründet. Dort reden die Väter auch über das Betreuungsgeld. Foto: Milos Djuric
Kazim Erdogan (55) hat Berlins erste türkische Männergruppe gegründet. Dort reden die Väter auch über das Betreuungsgeld.

Verein unterstützt Kritik des Neuköllner Bürgermeisters am Betreuungsgeld

von Sabine Rennefanz und Stefan Strauss

Berlin - In der Debatte um das geplante Betreuungsgeld haben sich erstmals türkische Migranten zu Wort gemeldet. Eine Gruppe türkischer Männer aus Neukölln lehnt das 150 Euro hohe Betreuungsgeld für Eltern ab, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken.

So plant es die Bundesregierung. „Die Väter sind der Überzeugung, dass die Zahlung von Betreuungsgeld ein enormer Rückschritt bei der Integration wäre“, sagt Kazim Erdogan vom Psychosozialen Dienst Neukölln. Der Psychologe hat dort die Gruppe türkischer Väter gegründet, die sich einmal wöchentlich trifft, um über Erziehung und andere Themen zu reden. Die Männer fürchten, dass trotz guten Willens die meisten Familien der „Verlockung des Geldes“ (Erdogan) erliegen würden – und ihre Kinder aus den Kitas abmelden würden. Oft seien die Mütter aber nicht ausreichend gebildet, um ihre Kinder zu erziehen, sagt Erdogan. Das würde die Integration um Jahre zurückwerfen.

Auch die Einführung von Gutscheinen sehen die Väter skeptisch, da sie ähnlich stigmatisierend wirkten wie einst die Kupons für Asylbewerber. Bei der Sitzung machten die Väter andere Vorschläge. Sie wünschen sich einen pragmatischeren, unbürokratischen Umgang. Sie fordern, dass das Geld direkt den Kindertagesstätten und Schulen zugute kommt. Auch die 20 Euro mehr Kindergeld pro Kind sollten direkt der Bildungseinrichtung, in der das Kind gemeldet ist, zufließen. Jede Schule sollte selbst entscheiden können, wie sie das Geld verteilt, so die Vorstellung der Väter. In den nächsten Tagen wollen die Väter ihr Konzept genauer ausarbeiten.

Die Migranten unterstützen damit die öffentliche Kritik von Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Dieser hatte behauptet, in der deutschen Unterschicht werde das Betreuungsgeld versoffen und in der migrantischen Unterschicht komme die Oma aus der Heimat zum Erziehen. Das Familiennetzwerk Deutschland hatte Buschkowsky deshalb Ende Oktober wegen Volksverhetzung verklagt. Es gab weitere Strafanzeigen wegen übler Nachrede und Beleidigung. Ohne Erfolg.

Das Kind als Einkommensfaktor

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen Buschkowsky gestern eingestellt. Er habe „weder zu Hass oder zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen“ aufgerufen „noch wird die Menschenwürde anderer angegriffen“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Vielmehr handele es sich bei Buschkowskys Äußerungen „erkennbar um eine Übertreibung, Pointierung und drastische Darstellung, um seinem Anliegen die Medienwirksamkeit zu verschaffen“.

Heinz Buschkowsky bekräftigte indes seine Kritik am Betreuungsgeld. „Das Betreuungsgeld wird dazu führen, dass ein Großteil der Unterschicht-Eltern ihr Kind nicht in die Kita geben oder aus der Kita herausnehmen, um das Geld für ihre Bedürfnisse auszugeben – zum Beispiel für Zigaretten, Alkohol, den Pay TV-Beitrag oder um Schulden abzubezahlen. Das Kind wird zum Einkommensfaktor der Haushaltskasse.“

Buschkowsky sagte, Kinder lernten nur das Leben im Milieu kennen. „Es spielt keiner mit ihnen und es liest auch keiner etwas vor. Das sind die Grundlagen der Verwahrlosung schon in frühester Kindheit. In Migrantenfamilien werden so überkommene Rollenklischees zementiert, wie es vom Opa überliefert ist: Mädchen müssen rein, keusch und gehorsam sein, die Jungen stark, tapfer und Beschützer.“

Berliner Zeitung, 25.11.2009