Berlin

Für zu kurze S-Bahnen gibt’s weniger Geld

Ein Zug der Baureihe 480. Ein solches Fahrzeug ist am Sonntag entgleist. Foto: ddp
Ein Zug der Baureihe 480. Ein solches Fahrzeug ist am Sonntag entgleist.

Senat kündigt neue Strafe für schlechte Qualität an und lässt es auf eine Klage ankommen

von Peter Neumann

Berlin - Nach Informationen der Berliner Zeitung ist die am Sonntagmorgen verunglückte S-Bahn wegen eines schweren Fahrzeugdefekts entgleist. Jetzt setzt die Opposition die rot-rote Koalition unter Druck. „Müssen erst Menschen sterben, bis der Senat den Vertrag mit der S-Bahn kündigt?“ fragte Claudia Hämmerling von den Grünen gestern im Verkehrsausschuss. „Es ist reiner Zufall, dass der Zug nicht mit Fahrgästen entgleist ist“, sagte Oliver Friederici (CDU). „Wann soll die Vertragskündigung passieren – wenn nicht jetzt?“ Doch das Land lehnt dies weiterhin ab. Solche „plakativen Handlungen“ nützten den Fahrgästen nicht, entgegnete die Verkehrs-Staatssekretärin Maria Krautzberger (SPD). Stattdessen will der Senat die S-Bahn nun stärker in die Haftung nehmen. Ab sofort werde auch bei zu kurzen Zügen der Zuschuss gekürzt, hieß es.

Wenn S-Bahnen wie seit Monaten nur mit sechs oder vier Wagen unterwegs sind, leide die Qualität. Darum werde bei der Abrechnung des Zuschusses für 2009 erstmals auch berücksichtigt, ob alle Züge in der bisherigen Länge gefahren sind. Zwar sehe der Vertrag nicht ausdrücklich vor, dass die Zahlung bei Zugkürzungen verringert werden darf. „Doch wenn die Bahn dies nicht akzeptiert, soll sie uns verklagen. Mal sehen, was dabei herauskommt“, so die Politikerin.

Bislang hat das Land die Zahlung nur dann gekürzt, wenn Zugfahrten nicht stattgefunden haben. Allein von Januar bis Ende Oktober seien 13,4 Prozent der vereinbarten Fahrleistung ausgefallen, so der Senat. Entsprechend behielt das Land 31 Millionen ein.

Ursprünglich wollte die S-Bahn seit gestern 95 Prozent der mit dem Land vereinbarten Zugfahrten anbieten. Doch statt 429 Viertelzügen, die jeweils aus zwei Wagen bestehen, rollten morgens nur 413, teilte der Senat mit. Hintergrund: Die Hilfszugbesatzung aus der Werkstatt Wannsee, die sich am Sonntag stundenlang mit der entgleisten S-Bahn befasst hatte, fehlte bei der Aufarbeitung anderer Züge. Darum waren 16 Viertelzüge gestern Früh noch nicht fertig. Sie sollen laut S-Bahn in den kommenden Tagen in den Betrieb gelangen. Unterdessen verdichten sich die Hinweise darauf, dass ein Fahrzeugschaden die S-Bahn-Entgleisung am Sonntag verursacht hat. Nach Informationen der Berliner Zeitung könnte ein Defekt an der Getriebeaufhängung entscheidend zu dem Unfall beigetragen haben. Den Ermittlungen zufolge war eine so genannte Drehmomentstütze nicht mehr intakt. Dem Vernehmen nach fiel dieses Element ab, wodurch das Getriebe aus dem Lot geriet und Teile davon zu tief herabhingen.

Untypische Geräusche fielen auf

Wie berichtet war der Zug wegen untypischer Laufgeräusche aufgefallen, als er in der Nacht zu Sonntag auf der Linie S 8 mit Fahrgästen unterwegs war. Daraufhin ließ der Fahrer alle Passagiere aussteigen, um die S-Bahn leer mit Tempo 40 zur Werkstatt Grünau zu überführen. Während einer Rangierfahrt vor der dortigen Halle entgleiste der zweite Wagen gegen 3.45 Uhr kurz vor einer Weiche.

Die S-Bahn bekräftigte, dass sich die Ermittlungen auf den Zug konzentrieren. „Es liegen Erkenntnisse vor, wonach aber weder die Bremsen noch die Räder des entgleisten Fahrzeuges für den Unfall verantwortlich sind“, sagte Ralph Fischer, der Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA). Die Wartungsfristen seien eingehalten worden, berichtete ein S-Bahner. Der Zug der Baureihe 480 war seit der jüngsten Kontrolle 18 000 Kilometer unterwegs – 20 000 Kilometer dürften es sein. Bis vor einigen Jahren waren es 10 000. Aber dann wurden die Fristen „gespreizt“.

Berliner Zeitung, 24.11.2009