Berlin

Die Standortfrage

Stehen in der Kindl-Brauerei in Neukölln bald fünf Millionen Bücher der neuen Landesbibliothek?  Foto: Maja Nicht
Stehen in der Kindl-Brauerei in Neukölln bald fünf Millionen Bücher der neuen Landesbibliothek?

SPD-Chef Michael Müller bringt Neukölln als Sitz der Landesbibliothek ins Gespräch

von Stefan Strauss

Berlin - Eigentlich war doch alles längst geklärt: Für die neue Zentral- und Landesbibliothek wird auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof ein Neubau errichtet. 2012 soll mit dem Bau des 270 Millionen Euro teuren Gebäudes begonnen werden. So hatte es sich der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) gewünscht und so hat es die rot-rote Koalition im April auch beschlossen. Der Neubau in Tempelhof sei eine Schlüsselinvestition für das ganze Gelände, hatte Wowereit gesagt.

Die Kindl-Brauerei liegt im Norden Neuköllns. Jeder dritte Bewohner dort ist arbeitslos. BLZ / Anja Kühl
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Doch jetzt hat SPD-Partei- und Fraktionschef Michael Müller völlig überraschend einen neuen Standort ins Gespräch gebracht. Die größtenteils nicht genutzte Kindl-Brauerei im Neuköllner Rollbergviertel sei eine Alternative, sollte es mit Tempelhof Probleme geben und sich der Neubau als zu teuer erweisen. So hatte es Müller am Sonntag auf dem Landesparteitag der SPD gesagt.
Er wolle damit die Kunst- und Kulturprojekte der Stadt vorantreiben, sagte Müller nun der Berliner Zeitung. Und in einem sozial schwierigen Gebiet wie Neukölln könne die neue Bibliothek eine „bildungs- und kulturpolitische Initialzündung“ sein. Danach würden sich dort sich auch Studenten und Ladenbesitzer niederlassen. „Schritt für Schritt könnte sich über Jahre das Neuköllner Quartier positiv verändern.“

Der überraschende Vorschlag des SPD-Landeschefs hat im Laufe der Woche verschiedene Reaktionen ausgelöst: Zustimmung, Ablehnung, Irritationen, selbst bei Müllers Genossen. Stellt sich der SPD-Parteichef gegen den Willen des Regierenden Bürgermeisters? Muss noch einmal über den Standort der neuen Bibliothek verhandelt werden? „Ich bin überrascht“, sagte Brigitte Lange, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Sie habe von Müllers Vorschlag nichts gewusst, finde die Idee grundsätzlich aber nicht schlecht. Wolfgang Brauer, Kulturexperte bei der Linken, sagte, es sei Aberglaube, die neue Landesbibliothek könne die Lebensverhältnisse in Neukölln verbessern. „Das ist eine wissenschaftliche Einrichtung und keine Kiezbibliothek.“ Sein Favorit: der Flughafen Tempelhof.

Strikte Ablehnung kommt von Claudia Lux, der Generaldirektorin der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Für die neue Landesbibliothek seien alte Gebäude wie die Kindl-Brauerei überhaupt nicht geeignet. „So etwas wollen wir nicht“, sagte sie gestern. Zudem sei die Entfernung zur U-Bahn viel zu groß. Vorbild für den Neubau solle das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität sein, das diese Woche eröffnete. Bisher ist die Zentral- und Landesbibliothek noch auf drei Standorte verteilt: die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg, die Stadtbibliothek in Mitte und die Senatsbibliothek in Charlottenburg.

Regelrecht begeistert reagierte Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) auf Müllers Idee. „Ein Leuchtturm der Bildung in das Rollbergviertel zu bringen, ist der beste Politikansatz, den ich seit langer Zeit gehört habe.“ Und so beschloss die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am Mittwochabend gleich eine Dringlichkeitsentschließung. „Die BVV betrachtet es als Baustein einer zupackenden Integrationspolitik, dieses Zentrum des Wissens nach Neukölln zu bringen“, heißt es da.

Seit vier Jahren ist das 50 000 Quadratmeter große Gelände der früheren Kindl-Brauerei weitgehend ungenutzt. Vor zwei Jahren wollte der Eigentümer dort 50 Millionen Euro investieren in Theater und Kultur, Geschäfte und zwei Hotels. Sogar eine türkische Universität sollte eröffnen. Aus all diesen Plänen wurde nichts. Mittlerweile gehört das Areal dänischen Investoren.

Gestern versuchte Klaus Wowereit im Abgeordnetenhaus die neue Standortdebatte zu beenden. Berichte von Parteitagen seien immer „sehr porös und unvollständig“, sagte er vieldeutig. Die Planungen für die neue Landesbibliothek würden weiter betrieben. Wo? Na in Tempelhof.

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72 Büchereien wurden geschlossen

Die Zentral- und Landesbibliothek verfügt über drei Standorte: Amerika-Gedenkbibliothek, Blücherplatz 1 (Kreuzberg), Berliner Stadtbibliothek, Breite Straße 30 (Mitte), und Senatsbibliothek, Straße des 17. Juni (Charlottenburg).

Der Neubau soll sich künftig in zentraler Lage befinden und mit Bus und Bahn sehr gut erreichbar sein. Kurzzeitig war das geplante Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz in Mitte als Standort im Gespräch. Letztlich einigten sich SPD und Linke auf den Flughafen Tempelhof.

Die Baukosten sollen etwa 270 Millionen Euro betragen. Zum Vergleich: Den zwölf Bezirken stehen für den Bestand an Büchern, DVDs und CDs in ihren Bibliotheken jährlich 3,3 Millionen Euro zur Verfügung.

Rein rechnerisch könnten die Bezirke von den geplanten 270 Millionen Euro für den geplanten Neubau ihre Bezirksbibliotheken 80 Jahre lang finanziell sicher betreiben.

Wegen Geldmangel mussten in den vergangenen neun Jahren 72 Bücherei-Standorte in den Bezirken schließen, die Zahl der Ausleihen stieg allerdings an. Zurzeit gibt es noch 78 bezirkseigene Bibliotheks-Filialen.

Berliner Zeitung, 16.10.2009