Berlin - Sie würden sich gern „Neuköllner Knackis“ nennen oder „FDE“, (Fickt die Erzieher). Ein krasser Name soll es sein. Doch die Erzieher erlauben das nicht. Wie sie auch so vieles andere nicht erlauben, schimpfen Fatma* (14), Mascha* (15) und Erol* (12). Sie dürften keine Handys benutzen, alles werde kontrolliert und geregelt, nur eine Stunde am Tag gebe es Ausgang, meckern die drei Jugendlichen.
Seit fünf Wochen leben Fatma, Mascha, Erol und zwei weitere Jugendliche in Deutschlands erstem Internat für Schulschwänzer, das heute offiziell eröffnet wird.
In dem zweigeschossigen Wohnhaus am Buckower Damm in Neukölln lernen die Problemkinder nun völlig neue Sachen, auf die sie in ihrem Leben bisher gern verzichtet haben. Sei es, morgens aufzustehen, um zur Schule zu gehen und nachmittags Hausaufgaben zu machen statt in Einkaufszentren und auf der Straße abzuhängen. Jetzt sind sie auch noch für Hausputz, Einkaufen und Kochen verantwortlich. Um 18 Uhr müssen sie im Internat sein, gegen 21 Uhr ist Nachtruhe. Nachts sind die Türen verschlossen. Nur am Wochenende dürfen die Bewohner nach Hause, mittwochs ist Besuchstag. Sie fühlten sich wie im Gefängnis, sagen Fatma und Mascha.
Doch statt vergitterter Fenster gibt es einen straff strukturierten Tagesplan mit festen Regeln. „Bisher haben die Bewohner in den Tag hineingelebt, jetzt lernen sie, Verantwortung zu übernehmen und zu begreifen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat“, sagt Gruppenleiter Ronny Mildner. Der 32-jährige Erzieher kümmert sich mit vier weiteren Sozialpädagogen um die schwierigen Bewohner. Oberstes Prinzip: Ruhe, Konsequenz und klare Ansagen. 24 Stunden werden die Bewohner betreut. Wer sich an die Regeln hält, wird belohnt und könnte bald auch sein Handy benutzen. Im Flur hängt ein Wochenplan, jeder ist mal verantwortlich für Einkaufen und Kochen, die Toilettenreinigung und den Geschirrspüler. Es gibt einen Kicker, einen Fußballplatz, heute wird ein Seilgarten eröffnet. Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerkes (EJF) Lazarus ist Träger der Einrichtung, etwa 120 000 Euro hat der Umbau des früheren Kinderheimes gekostet. Platz ist dort für 48 Bewohner. „Die Jugendlichen sollen stolz sein, hierherzukommen“, sagt Vorstandsvorsitzender Siegfried Dreusicke.
Das ist noch Illusion. Denn die Bewohner, die meisten kommen aus Migrantenfamilien, sind nicht freiwillig ins Internat gezogen. Mascha erzählt, sie habe es eigentlich nur ihrer Mutter zuliebe getan. Erol sagt, wäre er nicht ins Internat gegangen, hätten sie ihn ins Kinderheim gesteckt. Fatma ist vorbestraft wegen gefährlicher Körperverletzung. Sie muss sich bewähren.
Ronny Mildner sagt, die Eltern der Jugendlichen hätten sich bisher kaum um die Erziehung und Bildung ihrer Kinder gekümmert, manche hätten selbst nur kurze Zeit die Schule besucht. „Die Jugendlichen hatten bisher ihre eigenen Regeln. Sie standen am Anfang einer kriminellen Karriere", sagt Mildner. 2 400 Euro kostet ein Internatsplatz im Monat, das Geld bezahlt der Bezirk aus seinem Etat.
Schulschwänzen ist in Berlin ein Dauerthema. Etwa ein Fünftel aller versäumten Schultage fehlen Schüler unentschuldigt. Neukölln führt die Statistik an: 21 861 unentschuldigte Fehltage gab es dort im Schuljahr 2007/2008. Auch Fatma, Mascha und Erol gehörten zu den Schwänzern. Lange Zeit war es für sie normal, tags zu schlafen und nachts unterwegs zu sein.
Jetzt fällt beides weg. Jeden Schultag müssen sie um 6.30 Uhr aufstehen. Kurz vor 8 Uhr bringen die Erzieher sie zum Unterricht in die benachbarte Schule für verhaltensauffällige Kinder. Zwei Lehrer kümmern sich dort um sie. Es sind nur wenige Meter zur Schule, sie liegt gleich neben dem Internat. Trotzdem sei das Risiko noch zu groß, die Schüler allein zur Schule gehen zu lassen, sagen die Erzieher.
Wie sich die Internatsbewohner nun nennen dürfen, steht noch nicht fest. Ronny Mildner hat „Neukölln New School“ vorgeschlagen, Neue Neuköllner Schule. Das klingt pädagogisch wertvoll, doch die Bewohner lehnen den Namen ab. Einen Kompromiss zu finden, auch das gehört zum Erziehungsprogramm am Buckower Damm.