Es ist eines dieser Berlin-Klischees: Die Hauptstadt gilt als Wohlfühl-Stadt für Homosexuelle, mit einem schwulen Regierenden Bürgermeister und vielen anderen prominenten Homosexuellen - Politikern, Star-Friseuren, Künstlern. Es gibt den Schöneberger Schwulenkiez und den jährlichen Christopher-Street-Day. Schwul ist cool, könnte man meinen.
Doch der Alltag vieler homosexueller Normalbürger sieht anders aus. Sie müssten noch immer damit rechnen, diskriminiert, angepöbelt, möglicherweise auch angegriffen zu werden, sagt Alexander Zinn vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD). Der Verband hat deshalb ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen Homophobie geschmiedet. Gestern trafen sich die 24 Gründungsmitglieder zur Unterzeichnung eines gemeinsamen Aufrufs im Roten Rathaus. Vertreten waren die Berliner Polizei und die Berliner Stadtreinigung (BSR), die Deutsche Bank, Gewerkschaften, die Berliner Filmfestspiele, die Akademie der Künste, Hertha BSC und der Landessportbund. "Homophobie geht uns alle an", heißt es im Aufruf. Die Unterzeichner verpflichteten sich, im Alltag jeglicher Form der Diskriminierung entgegenzutreten.
Mit dabei, so Zinn, seien nicht nur "die üblichen Verdächtigen", sondern Institutionen aus der Mitte der Gesellschaft - ein Fakt, den auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) lobte. Der Kampf gegen Homophobie sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Erste Ideen, was die Bündnispartner gemeinsam bewirken können, stellte Zinn vor. Eine Internet-Seite, gemeinsame Kampagnen oder ein jährlicher Respekt-Preis seien denkbar. Weitere Bündnispartner sind willkommen. Derzeit laufen Gespräche, ob die Universitäten trotz ihrer Verpflichtung zu politischer Neutralität beitreten könnten, so Uwe Jens Nagel von der Humboldt-Uni.
Deutlich wurde: Die einzelnen Partner fangen nicht bei null an. Bei der Deutschen Bank und der BSR etwa gelten bereits Anti-Diskriminierungs-Richtlinien, erzählten ihre Vertreter. Bastian Finke vom Schwulen-Überfalltelefon Maneo berichtete von der Beratung von Opfern. Seine Erfahrung der vergangenen Jahre: "Die Gewalt gegen Schwule ist gleichbleibend hoch." Unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund seien Vorurteile gegenüber Schwulen besonders weit verbreitet, so Alexander Zinn vom LSVD. Umso positiver fiel daher das Engagement von Türkiyemspor auf. Seit vier Jahren unterstützt der Fußballverein die "Respect Games", eine Kampagne des LSVD. Das Foto eines jungen Fußballers bei Türkiyemspor zierte zuletzt die Plakate.
Der Verein machte sich damit nicht nur Freunde. "Der Spieler wurde auf der Straße angepöbelt, ständig wurde er beschimpft und musste sich rechtfertigen", sagt Susam Dündar-Isik, Sprecherin von Türkiyemspor. Sie selbst erhielt Hass-Mails. Der junge Spieler werde deshalb nicht noch einmal für die Poster posieren, sagte Dündar-Isik gestern. Aber der Verein werde sich weiter für Toleranz und gegen Homophobie engagieren. Die Erfahrung habe ja gezeigt, dass dies dringend nötig sei.
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Beleidigt, geschlagen, getreten
Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist laut einer Studie homosexuellenfeindlich, so der Lesben- und Schwulenverband. Bei Jugendlichen, vor allem mit Migrationshintergrund, sei der Anteil noch höher.
Jedes Jahr registriert das Anti-Gewalt-Projekt Maneo in Berlin zwischen 200 und 300 gewalttätige Übergriffe auf schwule Männer. Die Dunkelziffer sei sehr hoch. Viele Opfer gingen aus Scham nicht zur Polizei.
Mehrere Angriffe auf Schwule und Lesben wurden 2009 bekannt. Erst am vorigen Wochenende wurden drei Homosexuelle in Prenzlauer Berg von zwei Jugendlichen aus einer Gruppe heraus beleidigt, geschlagen und getreten. Im Januar wurde ein 23-Jähriger lebensgefährlich verletzt, nachdem er und ein Freund in der Kleist-/Ecke Eisenacher Straße von fünf Tätern angegriffen worden waren.
Denkmal geschändet. Auf das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen wurden seit der Einweihung im Mai 2008 drei Anschläge verübt.