Berlin

„Aus Spaß“

Brennt ein Auto, dann können seine Teile zu Geschossen werden: Kürzlich flog in Berlin ein Stoßdämpfer 70 Meter weit. Foto: Thomas Schröder
Brennt ein Auto, dann können seine Teile zu Geschossen werden: Kürzlich flog in Berlin ein Stoßdämpfer 70 Meter weit.

Fast täglich brennen Autos in Berlin – weil immer mehr Trittbrettfahrer mitzündeln

von Andreas Kopietz

Berlin - Wenn ein Auto brennt, entstehen Temperaturen bis zu 1.000 Grad. Was bei neuen Autos selten ist, kann bei alten Wagen, die neben einer angezündeten Karosse parken, schnell passieren: ein fünf Meter großer Feuerball einer Tankexplosion, wie Brandversuche der Feuerwehr ergaben.

Brennt ein Auto, dann können seine Teile zu Geschossen werden: Kürzlich flog in Berlin ein Stoßdämpfer 70 Meter weit. Zum Glück wurde niemand getroffen. In anderen Fällen passierte es, dass die Flammen einen Kurzschluss im Anlasser verursachten und das brennende Auto losfuhr. „Niemand kann die unkontrollierte Ausbreitung eines solchen Brandes beeinflussen“, sagt Peter-Michael Haeberer, Direktor des Berliner Landeskriminalamtes.

Bis gestern zählte die Berliner Polizei insgesamt 132 politisch motivierte Anschläge – Farbbeutelattacken gegen neu gebaute Luxuswohnhäuser, Steinwürfe gegen Bankfilialen, Brandstiftungen auf Baustellen und an teuren Autos. Nach den Worten von LKA-Chef Haeberer ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es Verletzte und Tote gibt. „Die Brandstifter nehmen schlimmste Folgen in Kauf.“ Schon einige Male standen angezündete Autos direkt an Hausfassaden, wurden Fenster in Mitleidenschaft gezogen.

In der Nacht zu gestern wurde wieder gezündelt: Am Paul-Linke-Ufer in Kreuzberg löschten Passanten Flammen an einem Audi und einem Jaguar. In der Admiralstraße verhinderte ein Anwohner, dass ein glühendes Stück Grillkohle den Reifen eines Jeeps entzündete. In der Dresdener Straße löschte die Feuerwehr einen brennenden Daimler. Die Täter wollten auch einen in der Nähe stehenden Porsche anzünden. Das Feuer beschädigte nur die Vorderreifen. In allen Fällen übernahm der Polizeiliche Staatsschutz die Ermittlungen, weil er davon ausgeht, dass die Täter in der linksextremistischen Szene zu suchen sind.

Allerdings wird die Jagd nach den Tätern immer schwieriger. Nicht nur, weil Berlin rund 5 000 Kilometer Straßennetz und 1,5 Millionen zugelassener Autos hat und somit viele Tatgelegenheiten. Auch das Bild von den Tätern wird diffuser. Denn wie man am besten ein geparktes Auto in Brand setzt, das ist längst nicht mehr nur exklusives Wissen der linksautonomen Szene. Die Möglichkeiten und Brandmittel haben sich laut Polizei unter gewöhnlichen Kriminellen herumgesprochen. Deshalb scheinen zunehmend auch Trittbrettfahrer am Werk zu sein, gewöhnliche Ganoven, die nur „aus Spaß“ ein Auto in Brand setzen. Autoanzünden – ein „Volkssport“ der Kriminellen.

Einen Beleg dafür sieht die Polizei unter anderem in der Tatsache, dass die Zahl der linken Bekennerschreiben zu solchen Taten über die Jahre relativ konstant geblieben ist. In Spandau und Moabit etwa wurden vor einigen Wochen mehrere mutmaßliche Brandstifter festgenommen, die keinerlei politisches Motiv hatten. In Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Mitte hingegen kamen die Täter nach Einschätzung der Polizei dagegen fast immer aus der autonomen Szene. Entsprechend richte die Polizei jetzt auch ihre Fahndungsmaßnahmen aus, sagte LKA-Chef Haeberer gestern den Mitgliedern des Innenausschusses des Abgeordnetenhauses. Die Sitzung, in der unter anderem gezeigt wurde, wie schnell ein Auto in Flammen steht, war geheim. Man wollte nicht, dass ein Mitarbeiter eines linken Internetportals, der unter den Gästen saß, mithört.

Seit Monaten wird Innensenator Ehrhart Körting (SPD) von CDU und Polizeigewerkschaftern vorgeworfen, die linke Gewalt zu unterschätzen. Gestern nun sagte der Senator im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses: „Ich sehe im Moment die linksextremistische Gewalt in Berlin als mindestens genauso gravierend an wie die rechtsextremistische Gewalt. Bei der linksextremistischen Gewalt scheint mir in einem Teil der Gesellschaft die notwendige Ächtung zu fehlen.“ Allein mit polizeilichen Maßnahmen werde man daher nicht weiterkommen.

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Wenige Bekennerschreiben


63 Prozent aller bundesweit registrierten „Brandstiftungen an Kfz“ geschehen in Berlin. In der Hauptstadt wurden bis gestern 109 politisch motivierte Brandanschläge gezählt. Dabei wurden 156 Autos direkt angegriffen und weitere 52 in Mitleidenschaft gezogen.

Am häufigsten brannte es in diesem Jahr in Friedrichshain-Kreuzberg (67), Mitte (37), und Pankow (22). Betroffen sind vor allem Mercedes, Audi und BMW. Es werden auch Geländewagen anderer Marken angesteckt. In einigen Fällen gehörten sie der Post, Siemens oder der Deutschen Bahn. In diesem Jahr tauchten zu Autobrandstiftungen 13 Bekennerschreiben auf.

14 Tatverdächtige hat die Polizei in diesem Jahr ermittelt, 13 davon auf frischer Tat. Sieben von ihnen sitzen in Untersuchungshaft.

Berliner Zeitung, 08.09.2009