Berlin

Gysis Einheitsfront mit der FDP

Gregor Gysi lehnt den Autobahnbau ab. Foto: Thomas Uhlemann
Gregor Gysi lehnt den Autobahnbau ab.

Erstaunlicher Gedankenblitz bei der Diskussion zur A 100

von Peter Neumann

Berlin - Beinahe wäre es zu einem historischen Moment gekommen: zu einer Koalition zwischen der Linken und der FDP. Denn die Bemerkung, die Gregor Gysi jüngst zur Verlängerung der Autobahn A 100 herausgerutscht ist, hätte auch von einem Freidemokraten kommen können – vom Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC) gar nicht zu reden. Die vom Senat geplante Fortführung des Stadtrings von Neukölln bis zur Straße Am Treptower Park wäre sinnvoll, sagte der Bundestagskandidat der Linken während einer Diskussion mit Bürgern in Treptow – wenn, ja wenn dies der Einstieg in die Komplettierung des Autobahnrings wäre.

Der jetzige Plan würde „Sinn machen“, falls „wir sagen: Wir schließen den Ring“, sagte Gysi – um aber schnell und mit Nachdruck nachzuschieben, dass ein solch gigantisches Vorhaben natürlich „nicht real“ sei. So kam der Linke doch noch dazu, das zu sagen, was im Saal der Bekenntniskirche der Mehrheitsmeinung entsprach: „Ich bin gegen den Bau der A 100.“

Dadurch würden Verkehrsprobleme nur verschoben und neue Belastungen geschaffen – auch soziale Probleme, weil Lärm und Abgase dazu führen würden, dass Anwohner wegzögen. „Ich würde das Geld viel lieber anders ausgeben“, sagte Gysi. Auch wenn die Lage in seiner Partei „nicht so einfach“ sei: Die Linken-Fraktion im Bezirksparlament Treptow-Köpenick sei für die Autobahn – die Linken-Fraktion im Abgeordnetenhaus dagegen.

Die Bürger, die sich zu Wort meldeten, waren jedenfalls dagegen. „Ich will aus meinem Haus nicht raus. Ich will meinen Garten behalten. Gebt das Geld für Kinder und Schulen aus“, rief Erika Gutwirt. Sie lebt an der Beermannstraße in einem der vier Wohngebäude, die der Autobahn weichen sollen. In einer Zeit, in der viele zu Recht vom Klima sprächen, sei ein solches Projekt „einfach nicht mehr zeitgemäß“, sagte Harald Moritz von der Bürgerinitiative Stadtring-Süd (BISS).

Die Autobahngegner haben die Sozialdemokraten im Bezirk allerdings nicht auf ihrer Seite. Die Parteibasis in Treptow-Köpenick sei für die A 100, sagte der SPD-Bundestagskandidat Kajo Wasserhövel. Die Autobahn wäre für die wirtschaftliche Entwicklung des Südostens wichtig, entlaste Wohngebiete von Verkehr und schone die „Nerven von denjenigen, die auf das tägliche Pendeln angewiesen sind“. Dass während des SPD-Landesparteitags im Mai eine Mehrheit gegen die Autobahn gestimmt hatte, ließ ihn kalt – weshalb ihm Werner Koeltzsch von Pro Bahn später einen Verstoß gegen die innerparteiliche Demokratie vorwarf. Bei der nun geplanten Verlängerung dürfe es nicht bleiben, so Wasserhövel. Auch der 17. Bauabschnitt, der Weiterbau zur Frankfurter Allee, müsse kommen.

Niels Korte (CDU) stimmte ihm zu. So lange die Autobahn vor der Elsenbrücke ende, werde „Treptow in der Tat eine Mehrbelastung erfahren“, gab er zu bedenken. Hellmut Königshaus (FDP) forderte, die Autobahn sogar über die Frankfurter Allee hinaus zu verlängern – wie Gysi in seinem Gedankenblitz. Peter Groos (Grüne) verlangte dagegen, die Millionen lieber in den Ausbau der S-Bahn zu stecken. Doch da hatte er nicht mal Gysi auf seiner Seite: „So leicht geht das im Bund nicht. Das wäre illusorisch.“

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2011 rollen die Bagger


Derzeit endet der Stadtring, die Autobahn A 100, kurz hinter dem Dreieck Neukölln. Doch das will der Senat ändern: Er will den Ring verlängern – zunächst um rund 3,2 Kilometer bis zur Straße Am Treptower Park (Treptow).
Ende 2011 soll der Autobahnbau beginnen.

2017 soll die A 100 für den Verkehr freigegeben werden. Erwartet werden je nach Abschnitt bis zu 100 000 Autos pro Tag.

Vier Häuser mit 200 Wohnungen, 350 Kleingärten sowie rund 300 Bäume müssen der bis zu achtspurigen Trasse weichen. Sie ist nur 160 Meter vom Hotel Estrel entfernt.

Um die Belastung der Anwohner zu mindern, führt die Strecke durch einen 385 Meter langen Tunnel und durch einen 2,3 Kilometer langen Geländeeinschnitt. Außerdem ist „Flüsterasphalt“ vorgesehen. Das alles treibt die Kosten in die Höhe – auf 442,8 Millionen Euro.

Die nächste Diskussion mit Bundestagskandidaten zur A 100 ist für den 14. September, 19 Uhr, geplant. Ort: Warschauer Eck, RAW-Gelände,
Revaler Straße 99, Tor 1.

Berliner Zeitung, 04.09.2009