Berlin

See-Bestattung für Hertie

Das Logo des Kaufhauses wurde gestern symbolisch im Wasser bestattet. Foto: Markus Wächter
Das Logo des Kaufhauses wurde gestern symbolisch im Wasser bestattet.

Frühere Mitarbeiter versenken das Kaufhauslogo in der Spree

von Barbara Weitzel

Berlin - Sechs geschwungene rote Buchstaben verschwinden lautlos und sacht im schwarzgrünen Wasser. Die Titelmelodie des Films „Spiel mir das Lied vom Tod“ erklingt blechern über der Spree und dem Vorplatz der Verdi-Zentrale. Hertie-Mitarbeiter und viele Beschäftigte anderer Kaufhäuser von KaDeWe bis Galeria Kaufhof stehen schweigend am Geländer. Rund 200 Gäste werden Zeuge, wie mit der symbolischen Bestattung des Hertie-Logos nicht nur zwei Meter Plastik entsorgt werden, sondern, wie ein Stück Geschichte versenkt wird.

Vor mehr als 100 Jahren gründeten Oskar und Hermann Tietz das erste Hertie-Kaufhaus in der Leipziger Straße. Nachdem das Traditionsunternehmen im Jahr 2008 Insolvenz angemeldet hatte, beschloss die Gläubigerversammlung im Mai dieses Jahres, alle 54 Filialen zu schließen. Aus der von Wirtschaftssenator Wolf (Linke) angekündigten „Berliner Lösung für Hertie“ wurde nichts: Am 15. August machten die Häuser in Schöneberg und Tegel dicht, in Moabit schlug die Stunde des Ausverkaufs eine Woche vorher. 230 Menschen sind seitdem in Berlin ohne Job, bundesweit sind es 3 300. Eine neue Beschäftigung fand bisher ein Zehntel, sagt Mario Ratajczak, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender des Hauses an der Turmstraße. Dort haben von 43 Mitarbeitern bisher fünf eine neue Stelle gefunden.

Von welchem Hertie-Haus das Logo stammt, will Ratajczak nicht verraten. „Wir haben es rechtzeitig und nicht ganz offiziell abgeschraubt“, sagte er. Auf diese Weise der Insolvenzmasse entrissen, werde das Schild nun einen „würdigen Platz“ im Buchstabenmuseum finden. Denn die Spree war nur ein temporäres Grab. Das Logo wurde kurz nach dem Versenken wieder geborgen – das war die Auflage des Schifffahrtsamts. Ratajczak findet das in Ordnung: „Besser, als wenn es ein irgendeiner herausholt und bei ebay versteigert.“

Unter den Kondolierenden ist auch Katrin Schönemann, die seit Wochen mit ihrer Email-Adresse auf einem Hemd nach Stellen sucht. Die 41-Jährige hat mittlerweile drei Angebote vom Arbeitsamt. Traurig ist sie dennoch. Sie habe ja mehr als die Arbeit verloren. So einen Zusammenhalt unter Kollegen wieder zu finden, das dauere Jahre. Die Kolleginnen nicken. Eine Frau sagt: „Ich will nicht zu Hause bleiben, aber wer stellt eine 61-jährige ein?“ 25 Jahre lang war sie bei Hertie.

Sie sehen erschöpft aus, ein Jahr lang Bangen und Wut, Protest und Verhandlung, das hat sie geschlaucht. Ratajczak sagt: „Das ist die letzte Aktion. Danach ist es aus.“ Schweigend habe man aber nicht gehen wollen. Dann dröhnt Campinos Stimme aus den Boxen. „Steh auf, wenn du am Boden bist“, singen die Toten Hosen.

Im Internet unter:
www.buchstabenmuseum.de

Berliner Zeitung, 28.08.2009