Berlin - Die kürzeste U-Bahn-Linie der Welt ist die U 55 zwar nicht, der 42nd Street Shuttle in New York ist noch kürzer. Doch unstrittig ist: Die Zahl der Fahrgäste auf der nur knapp anderthalb Kilometer langen Strecke zwischen dem Hauptbahnhof und dem Pariser Platz übertrifft alle Erwartungen. „Wir sind mehr als zufrieden. Und wir rechnen mit weiteren Zuwächsen“, sagte Petra Reetz, Sprecherin der Berliner Verkehrsvertriebe (BVG). Wenn die Ferien in den Schulen und im Bundestag zu Ende sind, werde es in dem einzigen Zug noch voller werden. Denn auch für den Berufsverkehr zum Parlament sei die U 55 wichtig.
„Stummel“, „Mini-U-Bahn“ – noch während des Baus wurde viel über die isoliert gelegene Kurzstrecke gelästert, die frühestens 2017 mit dem U-Bahn-Netz verbunden werden soll. Für manch einen Journalisten war die U 55 eines der unsinnigsten Verkehrsprojekte Berlins, der Fahrgastverband IGEB ist bis heute dieser Meinung. Schließlich ließe sich die Entfernung, die der Zug unterirdisch in zweieinhalb Minuten überbrückt, auch oberirdisch bequem zurücklegen. Ein Spaziergang reiche aus. Auch den Planern war ihr „Kleinbahn“-Projekt offenbar nicht ganz geheuer. Denn die Schätzung der Fahrgastzahl fiel zurückhaltend aus: Pro Tag wurden im Durchschnitt 6 400 Fahrgäste erwartet.
Doch so wenige Reisende wurden seit der Eröffnung am 8. August an keinem Tag befördert. „In der vergangenen Woche, vor der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, waren nach unseren Zählungen und Berechnungen täglich rund 20 000 Fahrgäste unterwegs. Am Wochenende, als im Zentrum zwei Laufwettbewerbe der WM stattfanden, waren es rund 25 000 pro Tag“, so Reetz. Hatte der Zug, der auf der U 55 pendelt, bislang vier Wagen, so sei er jetzt mit sechs Wagen im Einsatz. „Das wollen wir vorerst beibehalten“, sagte die Sprecherin. Die Wagen seien zwar nicht überfüllt, doch oft seien darin nur noch Stehplätze frei.
Zwar ändert all dies weiterhin nichts daran, dass auf den anderen U-Bahn-Linien mehr los ist. Dennoch bezeichnet Reetz die U 55 als „großartigen Erfolg“. Dafür hat sie zwei Erklärungen. „Im U-Bahnhof Brandenburger Tor locken die wunderbaren Ausstellungen über die Mauer und die Geschichte des Tores viele Menschen an. Und wer schon mal da ist, der fährt oft auch eine Runde“, sagte die Sprecherin. Auch gestern waren in der Station unterm Pariser Platz wieder viele „Seh-Leute“ unterwegs. „Das ist hier wie in einem Museum der Berliner Geschichte“, lobte einer der Besucher, Helmut Rose aus Tiergarten.
Zum anderen hat die U 55 auch einen konkreten Nutzen. „Sie sorgt dafür, dass der Hauptbahnhof aus dem Süden und Südwesten einfacher erreichbar ist“, sagte Frank Büch vom BVG-Marketing. Denn neben dem U-Bahnhof Brandenburger Tor befinde sich die gleichnamige S-Bahn-Station, in der die Züge der Linien S 1, S 2 und S 25 halten. Dort sei das Umsteigen bequemer als im Bahnhof Friedrichstraße, wo viele Höhenmeter zu überwinden sind.
Diesen Vorteil sieht auch Christfried Tschepe, der Vorsitzende des Fahrgastverbands. Aber das war’s dann auch schon. Mit den 320 Millionen Euro, die für den Bau der U 55 ausgegeben wurden, hätte man auch 20 Kilometer Straßenbahn bauen können – das hätte mehr Menschen genutzt. Dass die U 55 heute so gut besucht sei, habe mit der Neugier der Menschen zu tun. Die werde sich wieder legen, so Tschepe. „Auf jeden Fall wäre es falsch, aus dem jetzigen Andrang auf den Verkehrswert zu schließen.“
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Die Mini-Bahn
1 470 Meter: So lang ist die Linie U 55, die den Hauptbahnhof mit dem U-Bahnhof Brandenburger Tor verbindet. Der dazu gehörige Tunnel ist rund 1,8 Kilometer lang, zu ihm gehören noch Betriebsgleise und ein Werkstattbereich nördlich vom Hauptbahnhof.
Rund 1,3 Kilometer: So lang ist der 42nd Street Shuttle in New York, auch Linie S genannt. Anders als die U 55 handelt es sich aber nicht um einen „Inselbetrieb“, der (noch) keine Verbindung zu anderen Strecken hat.
Knapp 700 Meter: So lang war die kürzeste U-Bahn-Linie, die jemals in Berlin betrieben worden ist. Die alte Linie 5 verband die Stationen Deutsche Oper und Richard-Wagner-Platz und wurde 1970 eingestellt. Die Strecke wurde später mit der U 7 verbunden und wird heute noch genutzt – zum Beispiel für Betriebsfahrten oder Exkursionen mit dem „U-Bahn-Cabrio“.
Acht U-Bahn-Wagen wurden per Kran durch eine Öffnung an der Minna-Cauer-Straße in die U 55 herabgelassen. Davon pendeln derzeit sechs Wagen im Zehn-Minuten-Takt, die restlichen Fahrzeuge dienen als Reserve.
Als Gedenkort dient der U-Bahnhof Brandenburger Tor unter dem Pariser Platz. Dort wird an die DDR-Mauer und die Geschichte des Tores erinnert.