Berlin - Viele Lieferanten der Charité warten offenbar auf ihr Geld. Seit Anfang des Jahres hat sich nach Angaben des Personalrats die Zahl der nicht beglichenen Rechnungen aufgrund von Problemen mit der Computersoftware auf mehrere Tausend angehäuft. In einem internen Brief von Ende Juni, der der Berliner Zeitung vorliegt, schreibt ein Mitarbeiter vom Einkauf von „5 680 Vorgängen“. „Aufgrund der nicht fristgemäß bezahlten Rechnungen sind mehrere Lieferanten nicht mehr bereit, weitere Warenlieferungen an die Charité zu leisten“, heißt es weiter. Zudem sei mit erheblichen Skontoverlusten zu rechnen. So räumen viele Händler der Charité Ermäßigungen von durchschnittlich drei Prozent ein, wenn sie fristgemäß ihre Rechnung bezahlt. Wegen der späteren Zahlung soll dem landeseigenen Universitätsklinikum bereits Geld entgangen sein.
Ausgelöst wurden die Zahlungsprobleme durch die im Januar erfolgte Einführung eines elektronischen Rechnungswesens. Die neue Software müsse wieder verändert werden, sagt Personalrat Ingo Zeplien. Klar ist aber auch, dass die Mitarbeiter nicht ausreichend über das neue System informiert worden sind. „Einige Chefärzte geben ihre Bestellungen telefonisch auf, etwa wenn sie ein Symposium veranstalten und Kaffee brauchen“, erklärt er. „Sie wussten nicht, dass Bestellungen nun zentral erfasst werden sollen.“ Zudem sei die Umstellung zeitgleich mit dem Jahresabschluss erfolgt, so dass keine Zeit gewesen wäre, sich mit der neuen Technik auseinanderzusetzen. „Die Schulungen waren nicht optimal. Das ist dilettantisch gelaufen“, so Zeplien.
Der Charité-Vorstand widerspricht dieser Darstellung. Es stimme nicht, dass es mehrere Tausend offene Rechnungen gebe, erklärt Sprecherin Kerstin Endele: „Ein zwischenzeitlich aufgetretenes technisches Problem ist inzwischen abgestellt.“ Sie räumt aber ein, dass „noch nicht alle mit der Umstellung von einer manuellen auf eine elektronische Rechnungserfassung zusammenhängenden Schwierigkeiten behoben sind“. Verantwortlich für das neue Rechnungswesen sei der Leiter des Geschäftsbereichs Finanzen, Alexander Hewer.
Die Charité erhalte am Tag zwischen 800 und 900 Eingangsrechnungen, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres seien es rund 100 000 gewesen. Auch seien der Charité keine Skontoverluste entstanden. Mit der Einführung des neuen Systems würden sich die Durchlaufzeiten erheblich verringern. „Dadurch kann künftig ein noch größerer Teil der Rechnungen unter Abzug von Skonto beglichen werden“, sagt Endele. Sie bestreitet, dass Firmen nur noch gegen Vorkasse oder überhaupt nicht mehr liefern.
Doch ein der Berliner Zeitung namentlich bekannter Fachverlag in Westdeutschland liefert nur noch gegen Vorkasse. Ein Medizintechnikhersteller, der ungenannt bleiben will, akzeptiert widerwillig die „katastrophale Zahlungsmoral der Charité“, sagt ein Mitarbeiter der Berliner Niederlassung. Bis Ende vorigen Jahres habe die Charité innerhalb von 30 Tagen ihre Rechnungen beglichen. „Inzwischen warten wir Monate. In der Regel passiert erst dann etwas, wenn wir einen längeren Brief schreiben.“ Skonto räumt das Unternehmen, das die Charité jährlich mit Waren im Wert von mehreren 100 000 Euro beliefert, nicht mehr ein. Die Situation sei „finanziell belastend“. Von der Charité trennen will sich die Firma nicht. „Sie ist ein Großkunde.“ Betroffen sind nicht nur Händler von medizinischen Bedarfsartikeln, sondern auch Catering-Unternehmen oder etwa Wäschereien.
Mittlerweile wurden Zeitarbeitskräfte eingestellt, um den Rechnungsstau abbauen zu können, sagt Personalrat Zeplien. Außerdem werden die Rechnungen wie früher nun wieder manuell bearbeitet. Doch die Mitarbeiter kommen nicht hinterher. So seien allein in zwei Tagen rund 1 100 Rechnungen eingegangen, klagt ein Sachbearbeiter in einer Mail vom 23. Juni.