Berlin

Schlaflos in Kreuzberg

Romantik auf der Admiralbrücke in Kreuzberg: Doch was Partygänger freut, nervt die Anwohner. Foto: Benjamin Pritzkuleit
Romantik auf der Admiralbrücke in Kreuzberg: Doch was Partygänger freut, nervt die Anwohner.

Auf der Admiralbrücke ist nachts Party. Die Polizei verscheucht die Gäste

von Karin Schmidl

In der Nacht zu Dienstag war es besonders schlimm, sagt Holger Müller. „Als kurz vor Mitternacht Gegröle und laute Musik noch immer durch mein geschlossenes Fenster dröhnten, habe ich die Polizei gerufen.“ Holger Müller heißt nicht so, doch er will seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen: Müller wohnt direkt an der Admiralbrücke in Kreuzberg.

Dort müssen Anwohner seit Jahren vor allem im Sommer nächtlichen Lärm erdulden: Die kleine, denkmalgeschützte Brücke über den Landwehrkanal am östlichen Ende des Urbanhafens gilt als angesagte Partybrücke. In internationalen Stadtführern wird sie als „Geheimtipp“ empfohlen, doch das ist sie längst nicht mehr: Bis zu 300 Menschen aus aller Welt, Jugendliche vor allem, feiern dort regelmäßig nachts Partys. Sie sitzen auf dem Eisengeländer, auf den Gehwegen und auf den dicken Betonpollern, die in der Brückenmitte aufgestellt wurden, als das Gebiet um Fraenkel- und Planufer vor Jahren zur verkehrsberuhigten Zone erklärt wurde. Rucksäcke voller Bier- und Schnapsflaschen werden ausgepackt, es wird getrunken, musiziert, gesungen, gekifft und laut gelacht.

Die Anwohner haben jedoch keinen Spaß. „Autos hupen dauernd, weil sie kaum noch durchkommen, und die Besoffenen grölen und schmeißen Bierflaschen aufs Pflaster“, sagte Müller. Er habe mehrfach um Ruhe gebeten. „Bestenfalls wurde ich ausgelacht, aber auch bedroht, je nach Laune.“ Vor seinem Haus und im Hof fänden sich oft Spritzen, Urinpfützen und Erbrochenes. Weil er sich das alles nicht länger gefallen lassen will, ruft Müller jetzt regelmäßig die Polizei. „Wenn es sein muss, jede Nacht, von Montag bis Sonntag.“

In der Nacht zu Dienstag redeten die Beamten so lange auf die Feiernden ein, bis diese murrend die Brücke verließen. Von einer „Vertreibung“ oder gar „Räumung“ will man bei der Polizei aber nicht reden. „Die Kollegen haben darum gebeten, mit der Feier aufzuhören, daraufhin sind die Leute gegangen“, sagte Sprecher Michael Merkle gestern: Gegen einen Mann habe es eine Ordnungswidrigkeits-Anzeige wegen ruhestörenden Lärms gegeben. Zwei Musiker aus Kanada wurden zur Feststellung ihrer Personalien aufs Revier genommen.

Die Polizeieinsätze werden wohl bald zum Alltag auf der Brücke gehören. Anders wissen sich die Anwohner nicht zu helfen, um ihr Recht auf Nachtruhe durchzusetzen. Von der Politik im Bezirk erhoffen sie sich kaum noch Hilfe. Sie fühlen sich hinters Licht geführt, sagen sie. Eineinhalb Jahre debattierten Anwohner und Politiker über einen Umbau der Brücke. Die Poller sollten weg, die Brücke so gestaltet werden, dass es wenig attraktiv ist, sich dort niederzulassen. Baustadträtin Jutta Kalepky (parteilos, für Grüne) beauftragte sogar ein Ingenieurbüro mit Umbau-Vorschlägen. Doch dann wurde sie von der eigenen Fraktion zurückgepfiffen. Die Grünen sehen die Brücke als Imagegewinn für den Bezirk – und als kostenlose Alternative zu Clubs, in die 15-Jährige noch nicht hineindürfen. Die Baustadträtin jedenfalls hält einen Umbau jetzt nicht mehr für machbar: „Das Flair auf der Brücke ist charakteristisch für den Bezirk, die Aufenthaltsqualität soll dort auf keinen Fall verringert werden.“ Vielmehr müssten beide Seiten mehr Akzeptanz füreinander entwickeln.

Eine politische Lösung für das Problem ist derzeit nicht in Sicht. Fast hilflos mutet der Vorstoß der SPD an, über den gestern Abend im Bezirksparlament abgestimmt werden sollte: Die Sozialdemokraten wollen die Admiralbrücke zur Grünanlage erklären und dort – wie am Fernsehturm in Mitte – den Alkoholkonsum verbieten. Inzwischen schickt das Ordnungsamt sein Spezial-Team „Jugendschutz“ öfter zur Party-Brücke, um die unter 16-Jährigen vom Trinken abzuhalten.

Holger Müller und etliche Nachbarn wollen ihr Recht auf Nachtruhe nun juristisch durchsetzen: Sie wollen vor dem Verwaltungsgericht gegen das Bezirksamt wegen „Nichterfüllung von Dienstpflichten“ klagen.

Berliner Zeitung, 16.07.2009