Berlin - Die Situation bei der Berliner S-Bahn könnte sich schon bald dramatisch zuspitzen. Gestern verdichteten sich die Hinweise darauf, dass das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) die Sicherheitsauflagen weiter verschärfen wird. Notfallpläne sehen vor, dass der S-Bahn-Betrieb dann noch mehr zurückgefahren werden müsste – vor allem in der Berliner Innenstadt. So sollen zwischen Zoo und Ostbahnhof keine S-Bahnen mehr fahren, im Nord-Süd-Tunnel gäbe es nur noch einen 20-Minuten-Takt mit der S 1. Bahnintern wird erwartet, dass die zusätzlichen Streichungen ab morgen oder vom Wochenende an gelten.
„Wir müssen uns leider auf noch schlimmere Szenarien vorbereiten, als wir sie derzeit schon haben“, sagte der neue S-Bahn-Chef Peter Buchner gestern im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses. In Kürze wolle das EBA entscheiden, ob die tausend Wagen der Baureihe 481 noch öfter in die Werkstatt müssen. „Für heute, spätestens morgen erwarten wir den Bescheid des Amtes, ob Prüffristen für den Austausch von Radscheiben vorgezogen werden müssen“, berichtete Ulrich Homburg, Personenverkehrs-Vorstand der Deutschen Bahn (DB).
Nach Informationen der Berliner Zeitung wird es immer wahrscheinlicher, dass die Entscheidung negativ für die S-Bahn ausfällt. Im schlimmsten Fall müsste sie alle Räder des betroffenen Typs nach einer bestimmten Kilometerzahl austauschen – auch die Räder an den mittleren Achsen der Zwei-Wagen-Einheiten. Dann wären nur 160 der 630 „Viertelzüge“ einsatzfähig. Bislang galten Radtausch-Regelungen nur für die ersten und letzten Achsen.
„Wir haben Szenarien entwickelt, falls sich die Situation weiter zuspitzen sollte“, sagte Buchner. Er bestätigte, dass der Verkehr auf dem Ring und den Außenästen, die von dort ins Umland führen, Vorrang habe. „Entlang der Außenstrecken würden die Straßenverhältnisse keinen akzeptablen Bus-Ersatzverkehr zulassen“, erläuterte Hans-Werner Franz, Chef des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg.
In der Innenstadt könnte der S-Bahn-Verkehr dagegen stark ausgedünnt werden, weil es genug Alternativen gibt – unter anderem die U-Bahn und die DB. So hat die Bahn die Zahl ihrer Regionalexpresszüge zwischen Potsdam und Ostbahnhof bereits auf vier pro Stunde verdoppelt. Wenn der S-Bahn-Betrieb zwischen Zoo und Ostbahnhof wie befürchtet eingestellt wird, könnten die Fahrgäste darauf ausweichen. Die S-Bahn-Züge aus Spandau würden dann am Zoo umkehren, die S-Bahnen aus Ahrensfelde, Strausberg Nord, Erkner sowie Schönefeld am Ostbahnhof kehrt machen. Fahrgäste von und nach Wartenberg müssten die BVG nutzen. Die Nord-Süd-Linien S 2 und S 25 würden im Zentrum eingestellt – die S 2 zwischen Gesundbrunnen und Anhalter Bahnhof. Homburg erwartet, dass der Notplan zehn Tage gilt. Dann wären die Rückstände aufgearbeitet und der jetzige „Basis-Fahrplan“ könne wieder eingeführt werden. „Ende des Jahres läuft bei der S-Bahn alles wieder planmäßig.“
„Den S-Bahnern krampft sich das Herz in der Brust zusammen, wenn sie sehen, was mit ihrer S-Bahn gemacht worden ist“, sagte Heiner Wegner, Vorsitzender des S-Bahn-Betriebsrates, im Ausschuss. Wenn die DB nicht grundlegend umsteuere, „wird es so schlimm, wie Sie es sich in ihren schlimmsten Träumen nicht vorstellen können“.
Seine erneute Forderung, die Werkstatt Friedrichsfelde wieder zu eröffnen, wurde jedoch vom neuen S-Bahn-Chef abgelehnt. „Wir haben kein Problem mit der Dimensionierung unserer Werkstätten. Die Engpässe bestehen beim Personal und der Technik“, entgegnete Buchner.
Die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) künddigte an, dass das Land der S-Bahn von der nächsten Monatsrate voraussichtlich die Hälfte abzieht – dem Vernehmen nach handelt es sich um fast zehn Millionen Euro.