Berlin - Ende der sechziger Jahre saß der kleine Mr. Blowfish vor dem Fernseher. Um 17.30 Uhr, vor der Sportschau mit Ernst Huberty, lief der Beatclub und der kleine Mr. Blowfish sah Sharon Tandy barfuß tanzen und hörte „Lola“ von The Kinks. Es war die Zeit der Mods, die in ihren Parkas Vespa fuhren, fasziniert von schwarzer Musik. Später brachte die Szene eigene Stars hervor: David Bowie, Marc Bolan oder Rod Stewart.
Drei Jahrzehnte später rief der nicht mehr ganz so kleine Mr. Blowfish den Shotgun Club ins Leben, eine Partyreihe für Beat, Garage und Soul jener sechziger Jahre. Am Wochenende feiert der Shotgun Club seinen achten Geburtstag im Kreuzberger Lido, wo die Partyreihe seit drei Jahren ihr Zuhause gefunden hat. Außerdem ist der Sixties Sound des Shotgun Clubs regelmäßig im Bassy zu hören.
Neben Mr. Blowfish, der heute 49 Jahre alt ist und seinen richtigen Namen nicht nennen mag, steht Christian Göbel, 39, als DJ Dynamic Don an den Shotgun-Plattentellern. Eine Woche vor der Jubiläumsparty treffen sich die beiden zum Plakate bekleben bei Christian Göbel im Wohnzimmer, Altbau, erster Stock, direkt in der Wiener Straße. Die Wände sind orangefarben. Mr. Blowfish lässt sich aufs schwarze Ledersofa fallen, vor ihm steht ein getönter Glastisch, in der Ecke hängt eine nachgemachte Panton-Muschellampe, an der Wand hinter Christian Göbel wabert die Projektion einer Lavalampe über die Plattencover von Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot.
Beide haben sich vor ein paar Jahren über eine Internetauktion kennengelernt. Christian Göbel ersteigerte eine der ersten Suzy-Quattro-Singles von Mr. Blowfish. „Ich war total baff, dass jemand in Berlin diese Platte besitzt“, sagt Göbel. Er legte damals beim Soul Inn auf, und als er Mr. Blowfish kennenlernte, merkten sie, dass sie als Team gut zusammenpassen: Mr. Blowfish spielt die weißen Sachen, Beat und Psychedelic, Christian Göbel eher das Schwarze, Soulige. „Wir legen keine Gassenhauer auf und keine Bierzeltstampfer“, sagt Mr. Blowfish, keinen Tony Christie mit „Amarillo“ also.
Der Shotgun Club ist ein Dancefloor, den es so in den Sechzigern nicht gegeben hat. Beat, Psychedelic – all das interessierte niemanden wirklich, das war Musik von ein paar Jungs aus irgendeiner amerikanischen Kleinstadt, die ein paar Stunden im Aufnahmestudio verbrachten und versuchten so zu klingen wie The Kinks – heute werden diese Platten für vierstellige Summen im Internet gehandelt. Mr. Blowfish ist einer dieser Sammler, 5 000 Mods-Singles hat er schon, das dürfte eine der größten Sammlungen in Europa sein.
Und diese Plattensammlung war es auch, die den Shotgun Club begründete. Denn irgendwann wollte er seine Platten nicht nur in seinem Wohnzimmer hören – sondern laut. Wo die erste Shotgun-Party stattfand, das weiß er heute schon gar nicht mehr, vielleicht in der Trompete am Lützowplatz, wo er am Anfang öfter auflegte, oder im alten Bassy. Der Name der Reihe ist eine Hommage an die Motown-Band Junior Walker and The Allstars und ihren Hit „Shotgun“, der 1965 auf Platz 1 der R&B-Charts kletterte. Die ersten Jahre war der Shotgun-Club eine kleine Insiderparty – seit er im Lido gastiert, ist der Club groß geworden.
Auch wenn derzeit die Achtziger dafür sorgen, dass Jungen rumlaufen wie Mädchen und Mädchen wie Jungen, dass Bands wie La Roux in den Feuilletons besprochen werden und Schulterpolster wieder über die Laufstege geschickt werden – die Sixties sind heute überall. Bands wie die White Stripes, die Libertines, The Rifles, The Fratellis – sie alle bedienen sich an den Sechzigern, am Sound der Musik und am Look der Mods. Amy Winehouse’ „Valerie“ wäre ohne die Sechziger nicht denkbar. Zum Shotgun Club kommen deshalb auch gerade viele junge Leute aus der Indie-Szene, neugierig auf die Wurzeln ihrer Musik. In Berlin gibt es eine lebendige Beat- und Soul-szene, Partys wie Club Separée und die Beat Explosion, im Mauersegler, im Privatclub oder im White Trash.
Mr. Blowfisch selbst ließ den Beatclub, den er vor der Sportschau im Fernsehen sah, später erst mal hinter sich, landete beim Punk. „Ich musste schließlich rebellieren“, sagt er heute. So kam er auch nach Berlin, mit einer Punkband, die sich nach ein paar Konzerten trennte, als sich der Drummer nach einem Streit auf einer Gartenparty aus dem Staub machte. Die New-Wave-Bewegung in den Achtzigern war dann nichts für Mr. Blowfish. Und aus dieser Orientierungslosigkeit nach dem Punk kam er zurück zu den Sechzigern.
Baracudas, Liars, Chesterfield Kings. „Über die großen Bluesnamen und R&B bin ich dann eingetaucht und schließlich beim Garage gelandet“, erzählt er. Und noch heute fasziniere ihn die Ursprünglichkeit dieser Musik. „Die Unschuldigkeit, mit der die Musiker damals an die Sache herangegangen sind und aus der sich dann Großes entwickelt hat“,sagt er. DJ-Kollege Christian Göbel mag daran vor allem das Rebellische. „Das, was diese Bands damals machten, war wild und abgefahren“, sagt er. Musik war eine Haltung. Das vermissen die beiden heute: „Musikalisch haben wir doch heute eine McDonald’s-Landschaft“, sagt Mr. Blowfish.
Die Sechziger sind für die beiden das entscheidende Jahrzehnt in der Musikgeschichte. Damals entstand all das, was bis heute wichtig ist: Vom Funk über Ska, R&B bis hin zum Rock. Und gerade heute könnten die Sechziger erneut Aufwind bekommen, weil sich die Leute in der aktuellen Krisenstimmung wieder zurücksehnen nach der Ursprünglichkeit des Beat, nach dem, was die Shotgun-DJs in dieser Musik sehen: „Wahrheit und Klarheit.“
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Shotgun Club: Sonnabend, 18. Juli, 23 Uhr im Lido, Cuvrystraße 7. Special Guest: Tim Warren, Eintritt 5 Euro.