Berlin

Beim S-Bahn-Chaos ist kein Ende in Sicht

Nicht fest genug: Die S-Bahn muss bei einem Großteil ihrer Züge die Räder auswechseln. Foto: Gerd Engelsmann
Nicht fest genug: Die S-Bahn muss bei einem Großteil ihrer Züge die Räder auswechseln.

Fahrgäste müssen auf absehbare Zeit mit längeren Fahrzeiten und kürzeren Zügen rechnen

von Peter Neumann

Zu kurze Züge, Ausfälle, Verspätungen – auch gestern wurde die Geduld der S-Bahn-Fahrgäste wieder auf eine harte Probe gestellt. Dabei wird es auch noch für längere Zeit bleiben, hieß es gestern. Weiterhin sei „nicht absehbar“, wann wieder genug Wagen zur Verfügung stehen werden, teilte der Unternehmenssprecher Burkhard Ahlert mit. Es werde noch Monate dauern, bis alle Züge wieder nach dem bisherigen Fahrplan und in der gewohnten Länge verkehren, sagte der Vorsitzende des Betriebsrats, Heiner Wegner.

Er rechnet damit, dass die Zahl der S-Bahnen, die wegen zusätzlich angeordneter Sicherheitsüberprüfungen aus dem Verkehr genommen werden müssen, noch zunehmen wird. Nach seinen Angaben darf mehr als ein Drittel der rund 630 Zwei-Wagen-Einheiten derzeit nicht eingesetzt werden. Wegner berichtete, dass Fahrgäste immer öfter handgreiflich werden. „Die S-Bahner werden beleidigt, bespuckt, manchmal auch geschlagen“ – dabei könnten sie für das derzeitige Chaos gar nichts.

„Derzeit arbeiten wir daran, einen verlässlichen Fahrplan zu erstellen, der voraussichtlich noch in dieser Woche auf den Bahnhöfen ausgehängt und in die Internetauskunft einbezogen wird“, kündigte Ahlert an. Dabei macht den Planern zu schaffen, dass sich die Lage immer wieder ändert – je nachdem, wie viele Züge gerade zur Verfügung stehen. So teilte die S-Bahn gestern früh im Internet mit, dass auch die S 7 zwischen Ahrensfelde und Potsdam nur noch alle 20 Minuten fährt. Doch mittags hieß es, dass es auf dieser stark genutzten Strecke wieder einen Zehn-Minuten-Takt gibt. „Es handelt sich um einen andauernden Prozess“, sagte Ahlert. „Züge werden in die Werkstätten gebracht und verlassen sie wieder.“

Wie berichtet hatte sich die S-Bahn nach dem Bruch eines Rades am 1. Mai in Kaulsdorf dazu verpflichtet, ihre Züge öfter als bisher zu untersuchen. Doch am 26. und dann erneut am 29. Juni stellten Mitarbeiter des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) bei Kontrollen in Werkstätten fest, dass das Tochterunternehmen der Bahn (DB) seine Selbstverpflichtungen offenbar nicht eingehalten hatte: Bei vielen Zügen waren Fristen überschritten worden. Die Abgesandten der Behörde waren darüber dem Vernehmen nach so erbost, dass der S-Bahn der Entzug der Betriebserlaubnis drohte – dann hätte kein einziger Zug mehr fahren dürfen.

Dazu kam es dann doch nicht. Das Bundesamt ordnete aber an, alle bislang nicht geprüften Züge sofort außer Betrieb zu nehmen. Die Selbstverpflichtungen gelten weiter – was auch die übrigen Wagen betrifft. Auf Probleme stoße vor allem die Regelung, die meisten S-Bahnen alle sieben Tage zu einer „Sicht- und Klangprüfung“ in die Werkstatt zu bringen. Dabei nehmen Techniker nehmen die Räder in Augenschein und stellen mit Hammerschlägen fest, ob es Schäden gibt. Wegner: „Was diese Frist anbelangt, kommen wir nicht mehr mit der Arbeit nach.“ Das heißt: Täglich landen weitere S-Bahn-Züge auf den Abstellgleisen.

Der Stau in den Werkstätten ließe sich erst dann auflösen, wenn die zunächst nur befristet eingesetzten zusätzlichen rund hundert Werkstattmitarbeiter auf Dauer bleiben, so der S-Bahner. Der Betriebsrat fordert zudem, die aus Spargründen geschlossene Werkstatt Friedrichsfelde wieder zu öffnen und die Pläne zur Schließung der Hauptwerkstatt Schöneweide aufzugeben. Der Personalabbau müsse beendet, die Zahl der Züge erhöht werden. „Die neue Geschäftsführung muss unseren Mitarbeitern Mut machen. Dann können sich die Fahrgäste wieder auf die S-Bahn verlassen“, so Wegner.

Wie berichtet war die bisherige Chefriege am Donnerstag zurückgetreten – offenbar auf Druck der DB-Spitze, die gegenüber dem Bundesamt und der Öffentlichkeit rasch ein Zeichen setzen wollte. „Eine Schweinerei“, so Wegner. Tobias Heinemann und sein Team seien „Bauernopfer“ gewesen. Sie hätten Vorgaben durchgesetzt, die ihnen auferlegt worden sind, und wären dabei gescheitert. Ihre Absetzung solle davon ablenken, dass die Hauptschuldigen woanders sitzen – bei der DB Stadtverkehr, die für die Sparzwänge und Gewinnziele verantwortlich sei.

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Gebrochene Versprechen

1. Mai 2009: In Kaulsdorf bricht an einem Zug der S 5 ein Rad. Die S-Bahn sagt dem Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zusätzliche technische Überprüfungen ihrer Fahrzeuge zu.

26. Juni: Das EBA stellt fest, dass Züge, die mehr als 1,2 Millionen Kilometer gefahren sind, im Einsatz sind - dabei wollte die S-Bahn die Räder danach austauschen. 100 Wagen werden stillgelegt.

30. Juni: Das EBA entdeckt, dass auch die Zusage, alle Züge alle sieben Tage zu untersuchen, nicht eingehalten wird. Weitere 320 Wagen stehen still.

1. Juli: Der Betrieb wird eingeschränkt. Nur die S 41, S 42, S 8 und S 9 fahren planmäßig. S 45 und 85 fallen aus.

Berliner Zeitung, 07.07.2009