Kein Tag, keine Nacht vergeht, ohne Anschläge der Linksradikalen. In Tempelhof wurden in der Nacht zu Donnerstag sieben Transporter der Post angezündet. Die DHL-Fahrzeuge, die an der Schöneberger Straße abgestellt waren, brannten völlig aus. Um 1.50 Uhr hatten Zeugen die Feuerwehr alarmiert. Die Flammen griffen auch auf ein Vordach über. Mehrere Personen in dem Gebäude mussten in Sicherheit gebracht werden. Damit erhöht sich die Zahl der seit Jahresbeginn abgefackelten Autos auf 141.
Die Anschläge gehören offenbar zu den so genannten "Aktionswochen", die die autonome Szene in Berlin ausgerufen hat. Sie will für "selbstorganisierte Freiräume" kämpfen. Die Aktionen, koordiniert über Internet, per SMS und Piratenradio, begannen vor einer Woche und sollen am 20. Juni in einer Massenbesetzung des ehemaligen Flughafens Tempelhof gipfeln. Immer wieder wird die Polizei wegen Vandalismus alarmiert. So wurden mehrere Jobcenter mit Farbbeuteln und Steinen beworfen und die Fenster des Hauses der deutschen Wirtschaft eingeschlagen. Randalierer demolierten eine frisch sanierte Wohnung.
Wachmann beschossen
In der Nacht zu gestern wurde nun erstmals - womöglich von Autonomen - geschossen. Allerdings nur mit einem Luftgewehr. Ein 34 Jahre alter Wachmann der Verdi-Bundeszentrale an der Köpenicker Straße erlitt durch den Schuss eine Prellung am linken Arm. Weil die Polizei davon ausgeht, dass Linksradikalen hinter der Tat stecken könnten, hat der für politisch motivierte Straftaten zuständige Staatsschutz der Polizei die Ermittlungen übernommen. Mehrere Schüsse wurden offenbar von einer Bauruine abgefeuert, die gegenüber der Verdi-Zentrale liegt. Dieser Rohbau grenzt direkt an das autonome Zentrum "Köpi".
Erfolgreich ist die Polizei bei der Suche nach Tätern bislang nicht. Seit Beginn der Aktionswochen konnte sie keinen der Randalierer festnehmen. Die CDU fordert angesichts der fortwährenden Anschläge auf Häuser und Autos einen Runden Tisch gegen Linksextremismus. Sie unterstellt Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und Polizeipräsident Dieter Glietsch, die linke Gewalt jahrelang unterschätzt zu haben.
"Wir tun alles, was erforderlich ist", sagt dagegen Polizeisprecher Thomas Goldack. Man habe die Aufklärung intensiviert und sei stärker in den betreffenden Kiezen präsent. Gebracht hat es bisher aber wenig. Der VW-Bus, aus dem heraus Zivilbeamte in der Rigaer Straße ein Haus beobachteten, war nach kurzer Zeit samt Kfz-Kennzeichen im Internet veröffentlicht.
Sicherheitsgespräche angeboten
Während die einen Beamten gegen Linksautonome ermitteln, bieten Mitarbeiter des Staatsschutzes beim Landeskriminalamtes Linken so genannte Sicherheitsgespräche an. Hintergrund sind die seit einiger Zeit im Internet veröffentlichten Listen mit 66 Adressen und Fotos "linker Objekte", von Lokalen und Wohnprojekten. Neonazis haben die Dateien ins Netz gestellt. Es sei "ein notwendiges Gut", seine Nachbarn zu kennen und "sich ihnen vorzustellen", schreiben die Nazis. Beamte des Kommissariats "rechts" beim Staatsschutzes schrieben knapp 40 "linke" Läden an und wiesen sie darauf hin, dass sie in der rechten Szene "thematisiert" würden. In Sicherheitsgesprächen, die die Beamten anbieten, sollen Personen für die Gefahr "sensibilisiert" werden. Die Linken argwöhnen jedoch, dass die Polizei mit diesen Gesprächen die Szene nur ausspionieren will und lehnen solche Gespräche ab. Tatsächlich sei noch niemand auf die Angebote eingegangen, heißt es aus Staatsschutzkreisen.
Mit Aushorchen der Szene oder einer neuen Strategie gegen Linke habe dies nichts zu tun, versichert ein Polizeisprecher: "Jede Person oder Institution, bei der wir Hinweise auf eine Gefährdung haben, bekommt von uns das Angebot eines Sicherheitsgesprächs."
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Beton in der Badewanne
Die Aktionswochen begannen am Sonnabend mit einer Auftaktdemonstration durch die Innenstadt von Potsdam unter dem Motto "Freiräume statt Preußenträume".
Sonnabend: In der Rigaer Straße in Friedrichshain besetzen 40 Personen eine Brache. In der Warschauer Straße wird eine Bankfiliale beschädigt. Gegen die Bundesagentur für Arbeit in der Wolframstraße fliegen Steine. Am Car-Loft-Gebäude in der Liegnitzer Straße in Kreuzberg splittern Fensterscheiben.
Sonntag: Das Verdi-Haus an der Köpenicker Straße in Mitte wird mit Farbe beschmiert. Unbekannte setzen fünf Autos - zwei Mercedes, zwei BMW und einen Dodge - in Brand.
Montag: 14 Scheiben am Gebäude der Unternehmensverbände in der Breiten Straße splittern. Auf Baustellen in der Richard-Sorge-Straße und der Diestelmeyerstraße in Friedrichshain werden Scheiben zertrümmert. In der Rigaer Straße wird eine sanierte Wohnung verwüstet. Randalierer füllen Beton in die Badewanne und schmieren Kot an Wände.
Dienstag: Die Jobcenter in der Müllerstraße in Wedding, in der Gottlieb-Dunkel-Straße in Tempelhof und in der Sonnenallee in Neukölln werden beschädigt. In der Rigaer Straße splittern Scheiben eines sanierten Hauses.
Mittwoch: In der Schöneberger Straße in Tempelhof brennen DHL-Autos. Am Haus der Verdi-Bundeszentrale in Mitte wird auf einen Wachmann geschossen.