Berlin - Blut rinnt aus der Nase, das bleiche Gesicht ist schmerzverzerrt. Der Mann im Anzug liegt auf dem Rücken, ein Opfer der Finanzkrise, abgebildet auf dem Cover des neuen Magazins „Aufstieg und Fall“. Die Macherinnen Susann Kramer und Sandra Broschat halten ihre ersten Exemplare in der Hand. Ein Jahr hat es gedauert, von der ersten Idee bis zum fertigen Magazin. Die UdK-Studentinnen kennen jeden einzelnen Satz, jedes Foto im Heft, haben kurz vor Schluss rund 40 potenzielle Anzeigenkunden abtelefoniert, um die Kosten zu decken. „Jetzt möchte ich gerne Berliner darin blättern sehen“, sagt Susann Kramer.
Die erste Bewährungsprobe wird das Magazin am Wochenende bestehen müssen. „Chaos Nacht“ heißt die Releaseparty zum Heft. „Aufstieg und Fall“ soll ordentlich Wirbel in der Branche und auf dem Zeitschriftenmarkt verursachen – besonders jetzt, da Vanity Fair oder Park Avenue eine Marktlücke hinterlassen haben. In den letzten Produktionswochen kam professionelle Unterstützung durch Chefredakteur Iván Aránega Tortosa, einem Spanier mit Erfahrungen bei internationalen Hochglanzmagazinen und Zeitungen, etwa der Vogue oder el pais. Die Artdirektion machte Christian Schneider, der bereits die Dummy-Ausgabe „Glück“ konzipierte. Das fertige Heft: vielleicht eine Mischung aus Brand Eins, Neon und Dummy – mit Hang zur Provokation, englischen und deutschen Texten und natürlich ökologisch korrekt auf Recyclingpapier gedruckt.
Ort der Party ist das Modulorhaus am Moritzplatz. Partys gab es hier zur Berlinale, auch das „Kunstmagazin Berlin“ lud dort jüngst zum dreijährigen Bestehen. Das Ambiente ist dem Week-End ähnlich: Retro-Charme mit Neonröhren und Linoleumböden. Zwei Tanzflächen wurden gemietet, von der Terrasse können die Gäste über Berlin blicken. Platz ist auf 2 300 Quadratmetern für 4 000 Gäste.
Vom Manager über junge Schreiber oder Fotografen aus dem benachbarten Betahaus bis zur Burlesquetänzerin sollen ganz unterschiedliche Szenen das Partygeschehen bestimmen, weshalb auch für Abwechslung an den Plattentellern gesorgt wird. Mit House, Italo-Disco und Soul wechseln sich elf DJs ab. Live-Acts aus der Berliner Elektro-Szene sind Heinrichs & Hirtenfellner (highgrade) und SIS (cocolino/mitu). Zudem soll es eine Symbiose aus Vintage-Disco, Indietronics und Funk geben, fürs schwule Publikum wurden die Pet Shop Bears gebucht.
Chefredakteur Iván Aránega Tortosa, 28 Jahre alt, mit Nerd-Brille und Dreitagebart, sitzt in seinem Kreuzberger Loft und plant die letzten Vorbereitungen für die Party. Soeben haben wieder Künstler und Galeristen ihr Kommen zugesagt. Kreative aus Wedding oder Moabit sind neugierig auf den künstlerischen Teil der „Chaos Nacht“. Auf Leinwände werden Fotostrecken projiziert, darunter Werke des preisgekrönten Casper Dalhoff, der für „Aufstieg und Fall“ düster-melancholische Bilder einer Behinderteneinrichtung aus Sealund in Dänemark fotografierte.
„Unsere Geschichten leben von Dramatisierung und Zuspitzung“, sagt Tortosa. Er hatte gerade einen Dokumentarfilm über amerikanische Burlesque-Tänzerinnen in Berlin abdreht, als ihm der Posten des Chefredakteurs angeboten wurde. Die Studenten benötigten jemanden mit Erfahrung und guten internationalen Kontakten zu ausländischen Autoren und Fotografen. Tortosa gefiel die Idee, ein Heft zu produzieren, dessen Inhalte sich im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Kunst bewegen und machte mit. So kam Hierarchie in das studentisch kreative Chaos, eine gewisse Ordnung in die vielen Ideen. „Jeder hatte plötzlich einen festen Aufgabenbereich“, sagt Sandra Broschat, die sich um die Anzeigenakquise kümmerte. Susann Kramer, die das Layout machte, lernte unter Leitung von Artdirektor Christian Schneider hinzu. Den studierten Philosophen Tortosa interessierte ein anderer Blickwinkel auf Karrieren. „Die Geschichten besitzen tiefschwarzen Humor“, sagt er. Ihn interessiere die künstlerische Perspektive an einer Wirtschaftsgeschichte, er spricht von einer „emotionaleren, fast animalischen Interpretation“.
Die größte Provokation im Heft ist in jedem Fall die „Hochschlafen“-Geschichte. In dieser sinniert die Autorin darüber, ob nicht die Chefs die wahren Opfer dieses Spiels seien. Ebenso das Psychogramm des „Pharaos“ Michael Jackson, dessen „selbstverstümmeltes Gesicht“ als perfektes Beispiel angeführt wird, wie der Ruhm einen Menschen und eine Karriere zerstört. Makaber, aber doch ein aktueller Aufhänger: das abstürzende Flugzeug, aus dem Insassen in Todesangst, dem Online-Publikum jedes Detail twittern.
193 Fans hat „Aufstieg und Fall“ bereits bei Facebook. 10 000 Exemplare werden ab nächster Woche deutschlandweit ausliegen, das Heft soll viermal im Jahr erscheinen. Auf der Party haben die Macher auch die Chance noch zahlreiche Texter, Artdirektoren oder Layouter zum Kauf zu überzeugen. Die Party findet im Rahmen des Werbekongresses statt, den die Studenten mit organisiert haben und zu dem Agenturen wie Jung von Matt, Goldene Hirschen oder Unternehmen wie die Deutsche Post kommen, die dort kreative Köpfe rekrutieren wollen.
Die Studentinnen Kramer und Broschat wünschen sich viele angeregte Diskussionen. Etwa zu der „Hochschlafen“-Geschichte. „Egal wie sich das Magazin verkauft, auf der Party geht es nur steil bergauf“, sagt Sandra Broschat, wenn nicht, dann wird der Absturz vielleicht online über Twitter abrufbar sein.
Party: Die Party zur ersten Ausgabe des Magazins „Aufstieg und Fall“ steigt am Sonnabend, den 13. Juni, im Modulorhaus am Moritzplatz in Kreuzberg.
Ab 23.30 Uhr, Eintritt 8 Euro.