Berlin

Ende einer Odyssee: Roma-Familien sind jetzt Spandauer

Asylbewerberheim Motardstraße in Spandau: Es dient in Berlin der Erstaufnahme. Foto: Benjamin Pritzkuleit
Asylbewerberheim Motardstraße in Spandau: Es dient in Berlin der Erstaufnahme. Dort wohnen jetzt 78 Roma, die zuvor eine Kirche besetzt hielten.

78 Mitglieder richten sich im Asylbewerberheim in der Motardstraße ein. Jetzt nimmt der Senat alle Personalien auf

von Uwe Aulich

Berlin - Marlies Baier ist angespannt, sie wirkt aber zufrieden, weil mit den Neuankömmlingen alles gut läuft. Sie leitet die Zentrale Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in der Spandauer Motardstraße, in der seit Freitagabend die rumänischen Roma leben, die sich schon einige Wochen in der Stadt aufhalten. Nach einer jüngsten Zählung sollen es 78 Roma in dem Heim sein. „Ich denke, sie fühlen sich wohl und kommen etwas zur Ruhe. Sie wurden ja immer nur hin- und hergeschoben“, sagt Marlies Baier. Sie geht an diesem Mittag über den langen und mit grauem Linoleum ausgelegten Flur in Haus 3. Nur wenige Roma sind da. Ein Mann wischt den Boden. Andere sitzen mit einigen Frauen in einem der gut zwölf Quadratmeter großen Zimmer und reden. „Unterkunft okay. Alles okay“, sagt ein Familienoberhaupt.

Das Spandauer Asylbewerberheim ist die vierte Station der Roma in Berlin. Erst haben sie im Görlitzer Park in Kreuzberg übernachtet, dann wurden sie von linken Gruppen im Südflügel des Bethanien aufgenommen. Als die Hausverwaltung Anzeige erstattete, besetzten etwa 50 Roma mit Hilfe der Unterstützer aus dem Bethanien die katholische St. Marien-Liebfrauen-Kirche in der Wrangelstraße. „Die Gemeinde war bemüht, mit den Roma zu sprechen – getrennt von ihren falschen Beratern aus dem Bethanien“, sagte gestern Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke). Das gelang: Anders als es die Bethanien-Leute gewollt haben, ließen sich die Roma überzeugen, das Angebot des Senats anzunehmen und in die Motardstraße zu fahren. Ein Bus brachte erst 28 Roma dorthin. Auf Drängen des Pfarrers verließen am späten Freitagabend auch die anderen Roma das Kirchenasyl.

Windeln und Babynahrung

„Wir haben alles vorbereitet, Betten bezogen und Handtücher verteilt. Wir haben auch Windeln und Babynahrung besorgt und Hygieneartikel ausgegeben“, sagt Marlies Baier. Sie ist erstaunt, dass trotz der Hektik in den vergangenen Tagen „alles gesittet zugeht“. Viele Roma seien erschöpft und müde. Die Roma hätten die Zimmer, die schlicht mit Doppelbett, Schränken, Tisch und Stühlen sowie teils mit Doppelstockbetten für die Kinder ausgestattet sind, nach ihren Vorstellungen umgeräumt. Tagsüber gehen die Familien – wie sie sagen – arbeiten. Dazu nehmen sie Handwischer und Wasserflaschen mit, putzen also an Kreuzungen irgendwo in der Stadt Autofenster.

Das Heim, in dem 460 Menschen aus 44 Nationen wohnen, wird von der Arbeiterwohlfahrt betrieben. Horst Renner hat es 1988 mit aufgebaut. Und er weist die Darstellungen der Bethanien-Leute von einem „menschenunwürdigen Abschiebelager“ zurück. „Wir sind kein Gefängnis. Jeder Bewohner bekommt einen Ausweis. Sie können kommen und gehen, wann sie wollen.“ Nach Renners Ansicht sind die Roma aber keine politischen, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. So fahren die Roma zum Beispiel Autos mit britischem Kennzeichen. Bisher haben sie immer angegeben, aus Rumänien vertrieben worden zu sein, ihre Häuser seien niedergebrannt worden. Von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) fordern sie daher eine dauerhafte Unterbringung und die Möglichkeit zu arbeiten. Nach Rumänien wollen sie nicht zurück.

Katina Schubert, die Referentin der Senatorin, sagt, heute würden alle Personalien der Roma aufgenommen. „Wir sehen auch nach dem Gesundheitszustand. Dann wird geprüft, ob die Roma Ansprüche auf Leistungen haben.“ Zunächst könnten die Roma eine Woche in dem Heim bleiben. Nach dem Freizügigkeitsgesetz dürfen sich EU-Ausländer drei Monate in Deutschland aufhalten. Mildner-Spindler hat den Roma angeboten: „Wenn jemand in einer Notlage ist und nach Rumänien zurückkehren will, prüfen wir sehr schnell, ob wir ein Flugticket oder eine Bahnfahrkarte finanzieren können.“

Berliner Zeitung, 02.06.2009