Berlin

Schülerrandale als Teil der Ausstellung

Nachdem die Demonstranten weg waren, war das Foyer der Universität übersät mit Papier und Unrat. Foto: Gerd Engelsmann
Nachdem die Demonstranten weg waren, war das Foyer der Universität übersät mit Papier und Unrat.
Hier geht es zur Fotostrecke Schülerdemo

Die Schautafeln über NS-Unrecht an der Humboldt-Uni werden neu gedruckt – und ergänzt

Andreas Kopietz und Daniela Vates

Berlin - Die Randale bei der Schülerdemo in der Humboldt-Universität hat Empörung ausgelöst. „Die ganze Universität ist sehr bestürzt darüber, dass wenige Tage nach dem 9. November eine Ausstellung, die nationalsozialistisches Unrecht an jüdischen Mitbürgern dokumentiert, von Chaoten schwer beschädigt wurde“, sagte der Präsident der Uni, Christoph Markschies, gestern.

Mehr in der Berliner Zeitung

Am Mittwoch hatten rund 1 000 Demonstranten das Gebäude Unter den Linden gestürmt. Türen wurden eingetreten, Fensterscheiben zertrümmert, Wände beschmiert, Feuerlöscher entleert und Bilder berühmter Wissenschaftler von den Wänden gerissen. Stark beschädigt wurde auch die Ausstellung im Foyer, die das NS-Unrecht an jüdischen Unternehmern darstellt.

Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Volker Kauder, sagte der Berliner Zeitung: „Dass dabei nicht einmal vor einer Ausstellung über jüdische Unternehmen in der NS-Zeit Halt gemacht wurde, ist deprimierend und löst Zorn aus.“ Es sei unerträglich, wie legitimer Protest gegen die Bildungspolitik des rot-roten Senats von linken Chaoten für gewalttätige Ausschreitungen missbraucht worden sei. „Die blinde Zerstörungswut, das Stürmen von Lehrveranstaltungen und das Niederbrüllen von Diskussionen zeigen die undemokratische und intolerante Haltung der extremen Linken, die wir seit 68 kennen.“

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, sagte der Nachrichtenagentur ddp, die Randale sei eine Beleidigung. Nach ihren Informationen fielen auch antisemitische Äußerungen. Süsskind verlangte, dass sich die Schüler für die „blinde Zerstörungswut“ bei der Jüdischen Gemeinde entschuldigen. Das Demo-Bündnis konnte sich auch einen Tag nach dem Vorfall nicht auf eine Erklärung einigen. Der Wortlaut werde noch abgestimmt, sagte Organisator Niklas Wuchenauer gestern Nachmittag. Nach seinen Worten plane man einen offenen Brief an die Uni, in dem man den Vorfall verurteile. Es könne aber sein, dass manche in dem Chaos nicht gesehen hätten, worum es in der Ausstellung ging, sagte er.

Die zum Teil mehrere Meter großen Tafeln, die nach Ansicht von Ausstellungsmacher Christoph Kreutzmüller vom Historischen Institut nicht zu übersehen sind, wurden notdürftig geflickt. „Unsere Druckerei fertigt neue Tafeln an“, sagte er. „Am Sonntag wollen wir die Ausstellung reparieren. Wir müssen fast alle Bahnen auswechseln.“ Die Ausstellung soll um eine Schautafel ergänzt werden, die über die Zerstörung informiert. Die bildungspolitische Sprecherin der Berliner FDP, Mieke Senftleben, forderte „ein deutliches Wort der Missbilligung“ von SPD-Bildungssenator Jürgen Zöllner. Die beteiligten Schüler müssten verpflichtet werden, am Ort des Geschehens aufzuräumen.
Das könnte schwierig werden. Die Polizei konnte nur drei Eindringlinge namhaft machen. Weil sie nicht mit Krawall gerechnet hatte, war sie mit zu wenigen Beamten da. Außerdem hatte sie dem Uni-Präsidenten empfohlen, dass sie während der Besetzung nicht eingreift – damit die Lage nicht noch weiter eskaliert.

Berliner Zeitung, 14.11.2008