Demonstranten wollen Gelöbnis stören
ddp
Rund 500 Rekruten, die in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin stationiert sind, vor dem Reichstag geloben.
Protestzug angemeldet / Sperrung im Tiergarten am 20. Juli
Andreas Kopietz und Christine Richter
Wenn am Sonntag zum ersten Mal ein Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten vor dem Reichstag stattfindet, wird es Proteste geben: Nach mehreren Jahren Pause, in denen Bundeswehr-Gegner nicht gegen das Gelöbnis im Bendlerblock an der Stauffenbergstraße demonstrierten, ist jetzt wieder ein Aufzug angemeldet worden. Anmelderin ist die Linke-Politikerin Judith Demba.
Zu dem Aufzug unter dem Motto „Stopp den Kriegseinsätzen – Gegen die Militarisierung des Alltags“ werden tausend Teilnehmer erwartet. Nach Vorstellung der Anmelderin soll die Demonstration um 16.30 Uhr am Brandenburger Tor beginnen und nur eine kurze Strecke bis zur Scheidemannstraße am Reichstag führen.
Aus der beantragten Demoroute dürfte jedoch nichts werden. Denn Polizei und Feldjäger der Bundeswehr werden das Areal um den Reichstag bereits ab dem frühen Sonntagmorgen weiträumig absperren. Man sei deshalb mit den Demonstrationsveranstaltern über Alternativrouten im Gespräch, hieß es gestern bei der Polizei. Am Donnerstag soll es ein Treffen mit der Anmelderin geben.
Gestern sahen sich Vertreter der Bundeswehr und des Bezirksamts Mitte das Gelände vor dem Reichstag bei einer Ortsbegehung an. Denn die Veranstaltung muss innerhalb von wenigen Tagen neu organisiert werden, da das Grünflächenamt des Bezirksamts das Gelöbnis vor dem Reichstag zunächst untersagt hatte. Erst auf Intervention des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) in der vergangenen Woche wurde dann doch die Bewilligung erteilt. Die Bundeswehr hatte nämlich schon geplant, das Gelöbnis erneut im Bendlerblock zu vollziehen, wo an die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 erinnert wird.
Nun sollen die rund 500 Rekruten, die in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin stationiert sind, vor dem Reichstag geloben. Die Veranstaltung beginnt voraussichtlich statt um 19 Uhr erst um 19.30 Uhr. Es müsse mehr Zeit für Transporte eingeplant werden, da für die Angehörigen wie geplant vor dem Gelöbnis ein Empfang im Bundesverteidigungsministerium an der Stauffenbergstraße stattfinden werde, sagte ein Bundeswehr-Sprecher. Die Familienangehörigen werden dann per Bus zum Reichstag gefahren. Nach dem Einmarsch der Rekruten wird Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) eine etwa 20-minütige Rede halten. Anschließend findet das Gelöbnis, gefolgt von Musik und persönlichen Dankes-Worten des Bundesverteidigungsministers Franz-Josef Jung (CDU) an einige Soldaten statt. Die Veranstaltung wird rund eine Stunde dauern.
Ab wann die Straßen rund um den Reichstag gesperrt werden, ist noch nicht klar. Sie dauern voraussichtlich bis 24 Uhr. Wie weit die Sperrungen ausgedehnt werden, werde sich erst in den nächsten Tagen entscheiden, sagte eine Polizeisprecherin. Mit mehreren Kontrollen soll aber verhindert werden, dass Demonstranten auf den Platz für die geladenen Gäste gelangen. Im Jahr 1999 hatten sich junge Frauen und Männer mit Presseakkreditierung Zugang zum Bendlerblock verschafft und waren während der Veranstaltung nackt über den Platz gelaufen.
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Eine junge Tradition
1996 fand ein öffentliches Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten erstmals nach der Wende in Berlin statt. Am 31. Mai gelobten Soldaten vor dem Schloss Charlottenburg. Während der Veranstaltung kam es zu heftigen Auseinandersetzung zwischen Polizei und Militär-Gegnern. Zwei PDS-Abgeordnete wurden vorübergehend festgenommen.
1997 sollte ein öffentliches Gelöbnis am 24. Oktober in der Zitadelle Spandau stattfinden. Der Bezirk stimmte zu, die Bundeswehr sagte die Veranstaltung dann wieder ab.
1998 gelobten Soldaten vor dem Roten Rathaus. Während der Veranstaltung am 10. Mai kam es erneut zu Protesten. Der damalige Bundesvorsitzende der Grünen, Jürgen Trittin, erklärte auf der Demo, die Bundeswehr stelle sich damit selbst in die Tradition der Wehrmacht. Er bekam mächtig Ärger und konnte seinen Rücktritt nur knapp verhindern.
1999 fand das Gelöbnis erstmals im Bendlerblock an der Stauffenbergstraße statt. Militär-Gegner hatten sich Zugang verschafft und rannten nackt über den Platz.
In den Folgejahren wurde das Gelöbnis stets im Bendlerblock veranstaltet. Die Proteste wurden geringer, 2006 und 2007 fielen die Demonstrationen aus.
Berliner Zeitung, 14.07.2008