Berlin

Ein Ehrenamt auf Kosten der Firma

Bernd Schulz Foto: Andreas Labes
Drei Monate lang half Bernd Schulz im ambulanten Kinderhospiz. Sein Arbeitgeber hatte ihn dafür freigestellt - bei vollem Gehalt.

Unternehemn fördern das soziale Engagement ihrer Mitarbeiter, um selbst davon zu profitieren

Eva Dorotheé Schmid

Berlin - Als Bernd Schulz im Oktober vergangenen Jahres zur Arbeit fuhr, dachte er: Ich muss mal was anderes machen, ich will mehr mit Kindern arbeiten. Am selben Tag fand der Personaleinsatzplaner eine Nachricht seines Arbeitgebers im PC, der mitteilte, alle Mitarbeiter könnten sich bis zu drei Monate freistellen lassen, um an einem humanitären Hilfseinsatz oder in einem sozialen Projekt mitzuarbeiten – bei voller Weiterzahlung des Gehalts. „Da hat es gekribbelt und ich dachte: Das ist genau das, was ich will“, sagt der 43-Jährige. „Zwei Tage später habe ich mich beworben.“

Am 1. Februar 2008 wechselte Bernd Schulz seinen Arbeitsplatz. Für drei Monate. Statt bei Vodafone im Callcenter Mitarbeiter einzuteilen oder Urlaubsanträge zu bearbeiten, ging er täglich ins Büro des „Berliner Herz“. Für das ambulante Kinderhospiz arbeitete er bereits seit knapp einem Jahr als ehrenamtlicher Familienbegleiter, zuvor engagierte er sich jahrelang bei der Björn-Schulz-Stiftung, die das Kinderhospiz Sonnenhof betreibt – alles in seiner Freizeit.

Jetzt hatte er viel mehr Zeit, sich um schwer kranke Kinder und Jugendliche zu kümmern. Um Dirk Schauer beispielsweise, einen 28-Jährigen, der seit zwei Jahren ununterbrochen in einem Krankenhaus liegt. Er leidet an Mukoviszidose und hat eine neue Lunge transplantiert bekommen. Dirk Schauer kommt aus Halle, deshalb können ihn seine Eltern und Freunde nur selten in der Charité besuchen. Durch die Therapie ist sein Augenlicht eingeschränkt, die Tage im Krankenhausbett sind lang. „Er kommt aus der Gothic-Szene und ich lese ihm zweimal die Woche aus dem Buch eines mukoviszidosekranken Gruftis vor“, sagt Bernd Schulz. Er mache auch Besorgungen für Dirk, bestelle mal eine Pizza mit ihm zusammen, und manchmal schütte Dirk ihm auch sein Herz aus. „Da ist ein richtiges Vertrauensverhältnis entstanden, man bekommt sehr viel zurück.“
Seine Arbeit ist nicht immer einfach. Gleich zu Beginn Anfang Februar starb ein elfjähriger Junge an Leukämie, den Bernd Schulz seit vier Jahren begleitet hatte. „Ich habe ein Foto von ihm im Wohnzimmer stehen, es tut immer noch weh, aber ich denke daran, wie viel Freude, Abwechslung und auch Liebe ich in sein Leben gebracht habe“, sagt Schulz wie zum Trost.

Während seiner Freistellung hat der 43-Jährige auch viel im Büro der Hilfsorganisation geholfen, wo er sein berufliches Know-how einbringen konnte. Er hat Spenden akquiriert, wobei ihm seine Telefonausbildung im Callcenter half. Außerdem hat er die etwas chaotische Buchführung in Ordnung gebracht. Arbeitskollegen, mit denen er sich getroffen hat, meinten, er habe sich verändert. Er wirke viel zufriedener, ausgeglichener und „strahle“ mehr als früher. Er selbst sagt, er sei demütiger und dankbarer geworden.

Vodafone-Sprecherin Anka Vollmann erklärt, mit solchen Programmen wolle man das Engagement der Mitarbeiter anerkennen, sie enger ans Unternehmen binden und besser motivieren. Auch andere Firmen unterstützen Mitarbeiter, die sich für die Allgemeinheit engagieren. Bei der Berliner Bank gibt es zum Beispiel die „Initiative plus“. Dort kann sich jeder Mitarbeiter einmal im Jahr einen ganzen Tag lang in seiner Freizeit ehrenamtlich engagieren. Die Organisation, die er unterstützt, erhält von der Bank 500 Euro. Ähnliche Programme haben Bayer Schering und die Gasag. Die Skandia Versicherung schickt demnächst Manager für drei Tage ins ambulante Kinderhospiz Berliner Herz. Siemens entsendet Führungskräfte zu eintägigen Hilfseinsätzen; ehrenamtlich tätige Mitarbeiter werden mit Geld- und Sachmitteln unterstützt, im Einzelfall auch freigestellt. Die Post hat ein eigenes Team aus freiwilligen Mitarbeitern, die im Katastrophenfall mit Logistik helfen und dafür bei Weiterzahlung des Gehalts freigestellt werden. Wer sich beim Technischen Hilfswerk oder bei der freiwilligen Feuerwehr engagiert und bei der BVG arbeitet, wird ebenfalls zeitweise freigestellt und bekommt weiter sein Gehalt.

Ob sich die Freistellung von Bernd Schulz für seinen Arbeitgeber rechnet, ist fraglich. „Für mich hat sich herauskristallisiert, dass ich langfristig beruflich einen anderen Weg gehen will“, sagt Schulz. Er wolle ein eigenes Hospiz gründen. Ob er dann weiter im Callcenter arbeiten wird, wisse er noch nicht.


Berliner Zeitung, 16.5.2008