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Neues von der Weltverschwörung

Russia Today versteht sich als Fox News des Kreml - und hält nicht allzu viel von ausgewogenen Nachrichten

Christian Esch

Haben Sie starke Nerven? Dann schalten Sie Russia Today ein, den Auslandssender des Kreml. Hier kommt auf den Bildschirm, was anderen Sendern zu heikel ist. Da sieht man zum Beispiel jenen Herrn, der soeben im Europäischen Parlament eine Atombombe gezündet hat. "Bildlich gesprochen natürlich", fügt Daniel Estulin hinzu, er habe dort eine "historische Rede" gehalten.

Estulin ist Buchautor, er hat sein Leben der Aufdeckung einer Weltverschwörung gewidmet. Die dauert, wenn man Estulin glaubt, nun schon achthundert Jahre, hat der Welt Hitler beschert und den Euro und läuft unter dem Namen "Bilderberger". Darüber habe er in Brüssel gesprochen.

"Interessant!", strahlt die Moderatorin der Nachrichtensendung im Moskauer Studio. Hinter Estulins Kopf sieht man derweil geheimnisvolle Archivbilder: Dollarscheine und israelische Panzer, Henry Kissingers Nase, sogar Angela Merkel und Otto Schily tauchen kurz auf. Schurkische Verschwörer auch sie?

Interessant ist in der Tat, wen der Auslandssender Russia Today zu Wort kommen lässt und wie er das tut. Estulins Auftritt war Teil einer regelrechten Kampagne, mit der der Sender im Juni die jährliche Bilderberg-Konferenz begleitete - ein Treffen der Mächtigen ähnlich dem Davoser Weltwirtschaftsforum. Weil sie von den Medien abgeschottet werden, hat sich um diese Treffen eine Verschwörungstheorie gebildet, Estulin ist ihr Vertreter. Dass er eigentlich gar keine Rede vor dem Parlament hielt, sondern bloß in dessen Räumen sein neuestes Buch vorstellen durfte, scherte den Sender dabei nicht.

Erfolg bei den Zuschauern

Der Fall ist nur ein Beispiel für den Hang von Russia Today, exotische Randfiguren zu zeigen: Regelmäßig sind hier "truther" eingeladen - Leute, die in den Anschlägen vom 11. September die Spur des CIA sehen. Der Verschwörungstheoretiker und US-Radiomoderator Alex Jones ist ein Dauergast.

Warum aber verknüpft sich ein staatlicher Sender, der Russlands Ansehen im Ausland verbessern soll, mit so unglaubwürdigen Figuren? Die Antwort weiß Margarita Simonjan. Die Chefredakteurin von Russia Today ist gerade mal dreißig Jahre alt und schon seit fünf Jahren, seit seiner Gründung, an der Spitze des Senders. Das ist eine steile Karriere, selbst für Russland.

Ihr Sender belegt ein weitläufiges Hauptquartier in der Betonburg der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti, hat 2 000 Mitarbeiter und sendet rund um die Uhr in drei Sprachen - Englisch, Arabisch, nun auch Spanisch. Und er hat Erfolg bei den Zuschauern. Die Videos jedenfalls, die Russia Today auf der Internetplattform Youtube anbietet, wurden insgesamt mehr als einhundert Millionen Mal aufgerufen - das ist, wie Russia Today stolz mitteilt, rund ein dutzendmal mehr als bei den Konkurrenten Fox News und CNN, obwohl die schon länger bei Youtube vertreten seien.

Ihre Konkurrenten hat Simonjan ständig im Blick: Über die Flachbildschirme an der Wand gegenüber laufen Euronews, BBC World Service, CNN International. "Nach fünf Jahren weiß ich auswendig, was die zeigen werden, wie sie es zeigen werden und in welcher Reihenfolge. Wenn eine Story auf CNN International kommt, dann kann ich sicher sein, sie ist zwei Minuten später auf BBC Word Service - und umgekehrt."

Russia Today will anders sein. "Question More", also: "Hinterfrag' mehr!", lautet der Werbeslogan von Russia Today. Werbeplakate sollten ihn vergangenes Jahr illustrieren - man sah darauf etwa Barack Obama, überlagert mit dem Gesicht des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Darüber stand: "Wer stellt die größere nukleare Bedrohung dar?" Auf US-Flughäfen durfte das Motiv nicht gezeigt werden. Dass hier pikanterweise der staatliche Sender einer fremden Nuklearmacht warb, sah man dem Plakat nicht an, denn Russia Today tritt seit vergangenem Jahr unter dem Kürzel RT auf.

Der Sender will ja auch nicht als Kanal für Russlandinteressierte wahrgenommen werden - das würde das Publikum in den USA extrem einschränken - sondern als vollwertiger Nachrichtenkanal. Als solcher will Russia Today in jene Vertrauenslücke vorstoßen, die sich zwischen den etablierten Sendern und den Zuschauern aufgetan hat.

Dass es dabei um die Zuschauer in Amerika geht, zeigt schon die Verteilung der Ressourcen. In Washington unterhält RT ein gewaltiges Büro mit 70 Angestellten, in Brüssel keines. "Anders als in den USA sehe ich in Europa auch kein so großes Publikum, das von den traditionellen Sendern enttäuscht ist", sagt Margarita Simonjan.

Aber es ist schwer, zugleich provokant und glaubwürdig zu sein. Ausgewogen wirken die Beiträge von RT jedenfalls nicht. "Ausgewogenheit ist ein heiliges Prinzip des Journalismus, an das sich niemand hält", sagt Simonjan knapp. Ob etwa die westliche Berichterstattung über Russland ausgewogen sei? Da werde etwa - wie jüngst in der Zeitschrift Forbes - behauptet, Putin stecke hinter den Bombenanschlägen auf Wohnhäuser zu Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges, ohne dass auch nur eine Gegenstimme zu Wort komme.

"Wir existieren nicht um unsrer selbst willen oder darum, journalistische Vorschriften einzuhalten, wie die BBC sie sieht. Wenn wir ein Thema sehen, für das sich die Menschen interessieren und das von anderen Medien nicht abgedeckt wird, dann verfolgen wir es." Und dass Ausgewogenheit die Zuschauer nicht locke, zeige der Markt. "CNN wird dafür kritisiert, dass es zu ausgewogen ist und Zuschauer verliert, das sagen alle Fachleute. Fox News ist kein bisschen ausgewogen und legt zu."

Stimme der Ausgegrenzten

Russia Today sei "das Fox News des Kreml", konstatiert der Washingtoner Blogger Vadim Nikitin. Auch der konservative Sender Fox News habe eine politische Agenda und bringe extreme Ansichten und Verschwörungstheorien, nur eben aus dem rechten Spektrum. Und beide Sender teilten eine Grundhaltung: So wie sich Fox News als Stimme derer betrachte, die vom linken Medienestablishment angeblich ausgegrenzt werden, sei man bei RT besessen vom Gedanken, Russland müssen sich im Westen gegen einen Chor von Lügner und Verleumdern durchsetzen. Ironischerweise liefern sich beide Sender gerade einen Schlagabtausch über den Umgang mit einer radikalen Bewegung, der New Black Panther Party.

Dabei sieht Nikitin RT insgesamt eher positiv. Im Vergleich zum russischen Inlandsfernsehen ist RT freier. RT berichtete etwa sofort live von den Folgen der Moskauer U-Bahn-Anschläge im März, als die anderen Sender noch schwiegen. Westliche Kanäle übernahmen die Bilder. Tatsächlich profitieren viele Sender von dem Material, das RT ihnen kostenfrei auf einer Videoplattform bereitstellt; die Deutsche Welle ist da keine Ausnahme.

Wie groß das Budget von RT ist, sagt Simonjan nicht - das sei ein Staatsgeheimnis, leider. Es sei aber deutlich kleiner als das der Deutschen Welle. Deren Jahresetat beträgt 275 Millionen Euro. Damit werden auch Radiosendungen und die Übertragung in 30 statt drei Sprachen finanziert. Andererseits kann die Deutsche Welle von einem siebzigköpfigen Auslandsbüro, wie es RT in Washington betreibt, nur träumen. Deshalb mag DW-Sprecher Berthold Stevens dem auch nicht ganz so viel Glauben schenken, was er da aus Moskau hört.

Aber bis das Budget des Kreml-Senders so offengelegt und aufgeschlüsselt wird, wie dies bei westlichen Auslandssendern der Fall ist, muss sich im Kreml wohl noch viel ändern. Bis dahin gibt man sich dort so geheimnisvoll wie die Bilderberger.

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Russland im Ausland

Russia Today (RT) ist der Auslandssender des Kreml, vergleichbar der Deutschen Welle. RT sendet seit etwa fünf Jahren. Der Sender hat rund 2 000 Mitarbeiter, allein in Washington unterhält er ein Büro mit rund 70 Mitarbeitern.

Das Programm wird rund um die Uhr und in drei Sprachen ausgestrahlt: Englisch, Arabisch und neuerdings auch Spanisch.

Das Jahresbudget von RT ist nach Angaben seiner Chefin Margarita Simonjan ein "Staatsgeheimnis". Der Betrag liege allerdings deutlich unter dem der Deutschen Welle. Deren Jahresetat beträgt 275 Millionen Euro. Die Deutsche Welle strahlt allerdings auch Radioprogramme aus und sendet in 30 Sprachen.

Mit Provokationen sorgt RT immer wieder für Aufsehen. Plakate, auf denen Obama und Ahmadinedschad gleicherma- ßen als Gefahr bezeichnet wurden, durften an US-Flughäfen nicht aufgehängt werden.

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Foto: Wer ist gefährlicher, Obama oder Ahmadinedschad: umstrittenes Plakat-Motiv einer Kampagne von Russia Today.