Hungrig sind die kleinen Vögel anscheinend immer. Björn Lindner nimmt ein Heimchen in die Hand. Mit dem kleinen Finger sperrt der Mann dem jungen Mauersegler den Schnabel auf. Dann stopft er das Insekt hinein. Und noch eins, und noch eins. Ein Streicheln über die Kehle löst den Schluckreflex aus.
Björn Lindner nennt sich Naturranger. Er betreut die Naturschutzwacht des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Ohne seine Hilfe würde der der Mauersegler keinen Tag überleben. Der Vogel wohnt bei Lindner. Allerdings nicht allein. 18 Mauersegler hocken zurzeit in Lindners Kisten. Mehr als 30 sind schon wieder ausgezogen. In der Wildtierstation des Naturschutzbundes im Wuhletal werden etwa Hundert Mauerseglerküken aufgepäppelt.
Wie in jedem Sommer sind ihre Eltern aus Südafrika nach Europa gekommen, um hier zu brüten. Eigentlich legen Mauersegler ihre Eier in Felsspalten. Seit die Menschen hohe Häuser bauen, nutzen sie Mauerritzen, auch in der Stadt. Aber dann kam die ungewöhnliche Hitze dieses Sommers dazu. Die Jungvögel sind aus ihren Bruthöhlen gesprungen. Sie haben sich mit diesem Sprung ins Freie vor dem Hitzetod gerettet. Allerdings können sie noch nicht fliegen. Sie segeln zu Boden. Dort werden sie von ihren Eltern nicht weiter gefüttert. Ohne Hilfe müssten sie verhungern.
"Mauersegler in Not" nennt der Naturschutzbund eine Aktion, mit der er die Vögeln retten will. Es ist eine Kampagne, mit der Bürger aufgefordert werden zu helfen. Denn die Wildtierstation der Naturschützer mit zwei hauptamtlichen Kräften ist vollkommen überfordert. Auch mit den Kosten. Der Naturschutzbund hat ausgerechnet, dass die Insekten, die für die Aufzucht eines Mauerseglers gebraucht werden, etwa 40 Euro kosten. Für den Verein kommen Kosten in Höhe von 4 000 Euro zusammen. 3 500 Euro will der Senat übernehmen, aber die Saison für Mauersegler hat erst begonnen. Deshalb gibt es jetzt ein Futterkonto für Geldspenden.
Björn Lindner nimmt dem Verein mit seiner Naturschutzwacht in Marienfelde etwas Arbeit ab. Normalerweise erklärt er Kindern die Stadtnatur. Dafür wird er bezahlt. Aber zurzeit binden die kleinen Mauersegler seine gesamte Arbeitskraft und die seiner ehrenamtlichen Helfer. Das Futter für seine Vögel bezahlt er selbst. "Jetzt hat der Bezirk mir Futterkostenhilfe zugesagt." Die viele Arbeit bleibt. Bei 30 Vögeln und einer Fütterungszeit von zehn Minuten pro Vogel ist Lindner mit seinen Helfern drei Stunden beschäftigt. Und dann kann er gleich wieder von vorn anfangen, denn die Kleinen brauchen alle zwei Stunden Nachschub - auch am Wochenende. Nur nachts darf man nachlassen.
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist jetzt auf eine verwegene Idee gekommen und hat auf ihrer Internetseite einen Link zu YouTube platziert. Ein Film zeigt, wie ein Mauersegler gefüttert werden soll. Wer es sich zutraut, soll selber Nothilfe leisten. Auf der Behördenseite findet sich auch ein Link zu einem Futtertier-Versand. Davon hält Lindner allerdings gar nichts. "Man kann viel falsch machen. Leicht beschädigt man den Schnabel. Der Vogel darf nicht zu viel Wasser in den Hals bekommen und das Fett an den Händen ist schlecht fürs Gefieder", sagt Lindner. Ehrenamtliches Engagement hält er für wichtig, aber nur unter der Anleitung von Fachleuten. Und dann klingelt wieder sein Telefon. Jemand möchte zwei Mauerseglerbabys bringen.
------------------------------
Brütende Möwen
180 Vogelarten brüten in Berlin. Seit 1850 werden die Brutvogelarten in der Stadt gezählt.
Auf einem Bundestagsgebäude wurden jetzt erstmals brütende Silbermöwen entdeckt. Der Naturschutzbund war über zwei flugunfähige Tiere am Bahnhof Friedrichstraße informiert worden. Auf einem Flachdach fanden Ornithologen schließlich drei Nester der Küstenvögel.
Der Naturschutzbund ruft zu Spenden für die Mauersegler auf. Imker werden gebeten, Drohnenbrut an die Naturschützer abzugeben. Bürger können Geld spenden.
Weitere Informationen unter: www.berlin.nabu.de
------------------------------
Foto: Zu klein zum Fliegen: Naturranger Björn Lindner beherbergt zurzeit 18 Mauerseglerküken. Er füttert sie alle zwei Stunden, bis sie endlich abheben können.