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"Wir zwingen niemanden, bei uns einzukaufen"

Gesamtmetall-Chef Kannegiesser über neue Absatzmärkte, Jobs in der Popmusik-Branche und Steuern auf Finanztransaktionen

Die deutsche Wirtschaft ist nach der Krise schon wieder in Hochform: der Export lag im Mai um 30 Prozent über Vorjahresniveau. Der Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, begründet im Interview der Berliner Zeitung, warum dennoch die Löhne maßvoll steigen müssen. Von den Banken verlangt er, die Realwirtschaft ausreichend mit Geld zu versorgen, statt am Finanzmarkt zu spekulieren.

Herr Kannegiesser, Sie sind nicht nur der wichtigste Industrielobbyist Deutschlands, Sie haben auch ein eigenes Unternehmen. Wie ist der Maschinenbauer Kannegiesser durch die Krise gekommen?

Deutlich glatter als befürchtet. Die gesamte Branche ist im Herbst 2008 mit einem Tempo und einer Wucht abgestürzt, die uns fassungslos gemacht haben. Manche Unternehmen standen innerhalb weniger Wochen nur noch mit der Hälfte der Aufträge da - das hat es zuvor noch nie gegeben. In meinem eigenen Unternehmen war der Einbruch glücklicherweise nicht so stark. Wir hatten 2009 einen Umsatzrückgang von 17 Prozent. Schlimm genug. Aber es war beherrschbar: Wir haben übervolle Arbeitszeit-Konten geleert und Urlaubsansprüche abgebaut. Kurzarbeit mussten wir nicht nutzen. Inzwischen sind wir wieder normal ausgelastet.

Warum ist Ihr Unternehmen glimpflicher durch die Krise gekommen als andere?

Ein wichtiger Grund ist unser Kundenkreis. Wir liefern unsere Wäscherei-Maschinen an Dienstleister, die Berufskleidung und Wäsche für Unternehmen, Hotels oder Krankenhäuser waschen. Alles, was mit dem Gesundheitswesen zusammenhängt, ist stabil geblieben. Unterm Strich konnten wir in der Krise weltweit sogar Marktanteile gewinnen.

In der gesamten Industrie ziehen Aufträge und Produktion seit März wieder kräftig an. Ist der Erholung zu trauen?

Ich setze darauf, dass sich die Auftragslage weiter verbessern und stabilisieren wird. Das geht womöglich schneller als gehofft. Offensichtlich sind wir mit unserer Produktpalette gut aufgestellt: Wir haben ein Sortiment, das weltweit gebraucht wird. Einige unserer Produkte sind sogar unverzichtbar. Man kann Investitionen aufschieben - aber nicht ganz darauf verzichten. Das gilt zum Beispiel für Kraftwerke. Im Maschinenbau sind wir in 18 von 31 Sparten Weltmarktführer. Und für das Premium-Segment der Autoindustrie gilt: Wenn es wieder aufwärts geht, wünschen sich viele Menschen einen hochwertigen Wagen - unabhängig von der für alle Autoklassen weiter voranzutreibenden Entwicklung neuer Antriebstechniken.

Wann wird die deutsche Industrie wieder Vorkrisenniveau erreichen?

Zurzeit beträgt der Abstand bei der Produktion noch 23 Prozent. Im Branchendurchschnitt müssten wir Mitte 2011 wieder eine Normalauslastung von deutlich über 80 Prozent erreichen. Es gibt natürlich Risiken: Sind die Finanzmärkte jetzt wirklich stabil? Wenn sie noch einmal einbrechen, wird es bitter. Denn in vielen Firmen ist die Eigenkapitaldecke in der Krise sehr dünn geworden, sie könnten nicht noch einmal ihre Belegschaft in dem Ausmaß, wie wir es 2009 erlebt haben, halten.

Was muss sich auf den Finanzmärkten ändern?

Unser Problem ist, dass es für Investoren immer noch um ein Vielfaches attraktiver ist, in Finanzprodukte zu investieren als in der Realwirtschaft. Dort sind Renditen möglich, die Industriebetriebe nicht annähernd erzielen können.

Was schlagen Sie vor?

Ich habe Sympathie für die hinter einer Finanztransaktionssteuer stehenden Überlegungen. Sie würde das Hin- und Herschieben von Geld auf den Finanzmärkten verteuern und damit Anreize schaffen, mehr in die Realwirtschaft zu investieren. Leider ist die Steuer derzeit international nicht durchsetzbar. Was uns auch hilft, sind strengere Regeln für Finanzprodukte. Die Bundesregierung hat ja bestimmte Derivate bereits ganz verboten. Auch dadurch können Kapitalströme wieder in die Industrie geleitet werden. Wir haben in unserer Branche auch darüber nachgedacht, ob wir uns abkoppeln können von den internationalen Kapitalmärkten. Können wir beispielsweise mit den Sparkassen und manchen Kapitalsammelstellen einen eigenen Finanzierungskreislauf aufbauen? Aber das ist am Ende Spinnerei, sie können die Finanzmärkte nicht trennen.

Die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft ist inzwischen in die Kritik geraten. Müssen Sie über eine neue Strategie nachdenken? Immerhin lahmt die Wirtschaft in Europa, Ihrem wichtigsten Absatzmarkt. Und Defizitländer wie die USA können nicht dauerhaft auf Pump in Deutschland einkaufen.

Wenn Länder wie die USA kein Geld haben, um bei uns einzukaufen, dann sollten sie es lassen. Wir zwingen niemanden dazu. Für die Metall- und Elektroindustrie gilt: Wir werden versuchen, immer mehr Märkte zu gewinnen. Staaten wie China und Brasilien werden an Bedeutung gewinnen. Unsere Industrie lebt von Weltoffenheit. Wenn mein Unternehmen nur für Deutschland produzieren würde, könnten wir den Betrieb jeden Dienstag um elf Uhr schließen.

Deutsche Unternehmen sind auch deshalb so wettbewerbsfähig, weil die Löhne langsamer gestiegen sind als im Rest-Europa.

Im ganzen Leben geht es darum, im Wettbewerb nicht unterzugehen. Darum haben wir uns in der Metall- und Elektroindustrie bemüht. Hätten wir das nicht getan, gäbe es heute eine Million weniger Industrie-Arbeitsplätze. Im Übrigen ist das Lohnniveau in unserer Branche im internationalen Vergleich immer noch spitze. Wer bei Innovationen nicht vorn bleibt und seine Lohnkosten nicht im Gleichschritt mit der Produktivität entwickelt, darf sich nicht beklagen, wenn schließlich nur Popmusik und Finanzdienstleister bleiben.

Leiharbeiter erhalten keine Spitzeneinkommen.

Dadurch wird das Lohnniveau nicht spürbar gesenkt. In unserer Branche lag der Anteil der Zeitarbeitnehmer selbst zu Boomzeiten bei gerade einmal sechs Prozent.

Im vorigen Jahr ist die Zahl der Stammbeschäftigten in der Branche um rund 200 000 gesunken. Wie geht es weiter?

Seit April/Mai gibt es kaum noch Stellenabbau. Ich rechne damit, dass wir bis Jahresende das jetzige Beschäftigungsniveau halten können. Das heißt: Wir verlieren in diesem Jahr vielleicht 10 000 oder 20 000 Arbeitsplätze - und nicht 50 000, wie Anfang des Jahres befürchtet. Im nächsten Jahr dürfte die Beschäftigung sogar wieder steigen. Zeitarbeitnehmer sind hierbei nicht mitgezählt.

Sie lehnen die gleiche Bezahlung von Leihkräften und Festangestellten ab. Damit unterlaufen Sie aber Ihre eigenen Tarifverträge. Sind die so schlecht?

Wir haben dazu eine differenzierte Auffassung. Viele Jobsuchende finden nur über Zeitarbeit den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das rechtfertigt einen Lohnabschlag. Für Betriebe schafft Zeitarbeit die nötige Flexibilität: Mit keinem Instrument kann man so schnell auf Schwankungen reagieren. Natürlich spielen auch die Kosten eine Rolle. Es wird immer so sein, dass die Stammbelegschaft mit ihrem kollektiven Wissen für einen Betrieb einen höheren Wert hat als jemand, der nur vorübergehend da ist.

Die IG Metall sieht das anders und fordert die gleiche Bezahlung. Deren Vizechef Wetzel droht: Wenn Metallfirmen weiter auf Lohndumping via Leiharbeit setzen, könne die Gewerkschaft das System flexibler Tarifverträge nicht aufrechterhalten.

Das ist eine überzogene Drohung. Ohne unsere modernisierten Tarifverträge hätten wir die Krise nicht so glimpflich überstanden. Und dieses System will Herr Wetzel jetzt aufs Spiel setzen? Da würden die Unternehmen nicht mitmachen - und ich meine damit beide Seiten: Firmenleitung und Betriebsräte.

Sie wollen hart bleiben?

Die Gewerkschaften müssen zunächst mit den Zeitarbeits-Firmen verhandeln, denn dort sind die Menschen angestellt. Wir als Kundenunternehmen sagen: Die Kosten eines Zeitarbeitsnehmers müssen unter den Kosten für eine Vollkraft liegen. Dabei könnte man differenzieren zwischen Fachkräften und geringer Qualifizierten, die sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten. Wenn Herr Wetzel jetzt formuliert: Wir als Kundenunternehmen versauen die Preise, dann kann ich ihm nur antworten: Kunden versauen immer die Preise. So ist das in der Marktwirtschaft.

Das Gespräch führte Eva Roth.

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Zur Person

Martin Kannegiesser (68) ist seit zehn Jahren Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, der die Unternehmen der Metall- und Elektrobranche vertritt.

Der gelernte Betriebswirt ist seit 1974 Inhaber der Maschinenfabrik Kannegiesser in Vlotho. Das Unternehmen mit 1 300 Beschäftigten bietet industrielle Wäschereitechnik an.

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Foto: Als harter, aber verlässlicher Tarifpartner geachtet: Martin Kannegiesser.