Jetzt jubeln sie wieder, und diesmal sogar noch lauter als sonst. Gestern hat die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (MA) die neuen Hörer-Zahlen vorgelegt. Dem größten Privatsender, dem hessischen Radio FFH, war das sogar eine "Blitz-Meldung" wert, mit der er die Redaktionen bombardierte: "Zum 30. Mal Marktführer in Hessen!" Tatsächlich sind die Zahlen, vorgelegt im halbjährlichen Rhythmus, diesmal für die gesamte Branche äußerst erfreulich. Verlierer gibt es kaum, fast nur neue Bestwerte. Der Grund ist so einfach, wie die Jubelstöße durchschaubar sind: Zum ersten Mal berücksichtigen die Marktforscher nicht nur Hörer mit deutschem Pass, sondern daneben auch hierzulande lebende Ausländer. Zumindest, wenn sie aus EU-Staaten zugezogen sind.
Das Ergebnis: Insgesamt gelten nun in Deutschland 69 Millionen Menschen im weitesten Sinn als Radiohörer. Täglich schalten 58 Millionen das Gerät ein. Beide Werte stiegen um etwa drei Prozent, zurückzuführen eben vor allem auf die neue Datengrundlage. Sie wäre gewiss nochmals größer, wenn auch Migranten aus Ländern wie der Türkei oder dem sonstigen Nahen Osten mitgerechnet würden.
Die Methode aber passt trotz der längst überfälligen Erweiterung nicht allen in der Hörfunk-Szene, die in Deutschland so vielfältig ist wie in kaum einem anderen Land der Erde. Der Berliner Sender MotorFM, ausgerichtet auf eine vergleichsweise junge und mobile Zielgruppe, hat zwar mit den gerade vorgestellten Daten ebenfalls zugelegt. Ihn schalteten der vagen Statistik zufolge täglich 164 000 Menschen ein, was einem Plus von 37 Prozent entspricht. Markus Kühn, der Chef des Senders, hat dennoch gehörig etwas zu meckern.
Die MA-Methodik mache es Sendern wie MotorFM nicht einfach, sagt Kühn. Wie viele andere kleinere Sender, darunter auch das Berliner JazzFM, kritisiert er, wie die MA zu ihrer Erhebung kommt, die vor allem für die Preisverhandlungen mit den Werbekunden wichtig sind: Telefonisten klappern wie bei Wahl-Umfragen per Zufallsgenerator Anschlüsse ab. Entscheidend ist dann die Frage, welchen Sender der Befragte hört - und zu welchen Zeiten.
Das Problem, so Kühn: "Die MA-Telefonisten rufen ausschließlich auf Festnetz-Apparaten an. In unseren Hörer-Milieus haben viele aber gar keinen Festnetz-Anschluss mehr, sondern nur noch Handys." Mit anderen Worten: Sender, die eine junge und meist auch konsumfreudige Gruppe an Hörern erreichen, werden derzeit von der MA bestraft. Profiteure dieses Mangels sind Sender, die es auf Familien oder Senioren abgesehen haben - vor allem viele ARD-Wellen. Ungerecht sei das, findet Kühn. Auch der Chef der privaten FFH-Gruppe, Hans-Dieter Hillmoth, fordert: "Die MA muss schleunigst auch Hörer per Handys abfragen, um das junge Publikum vernünftig zu erreichen."
Das ist nicht das einzige Manko der MA. Gar nicht erfasst werden derzeit Webradios, die über keine Frequenz verfügen, sondern nur im Netz laufen. Von denen betreibt die ARD mehr als ein Dutzend. Auch Hillmoth hat großes Interesse an einer Überarbeitung der MA-Methodik: Neben dem Sender FFH und harmony.fm, einem Oldie-Kanal, betreibt er auch Planet Radio; zusammen erreichen sie laut aktueller MA täglich mehr als 3,5 Millionen Hörer.
Bei den Media-Agenturen, die Werbekunden vermitteln und so Einfluss auf die Existenz vor allem privater Sender haben, ist die MA "als Währung gesetzt", moniert MotorFM-Chef Kühn. Wer von aber nur unzureichend abgebildet wird, bekommt weniger vom Werbekuchen ab. "Unser Glück ist, dass unsere Kunden nicht nur nach Quantität buchen, sondern Qualität suchen", sagt Kühn. MotorFM ruft dennoch nach Alternativen - und bringt die "Radio-Uhr" ins Gespräch, die in der Schweiz bereits die Telefonabfrage ersetzt.
Für die Sender ist die Radio-Uhr ein kleines Wundergerät, das annähernd so funktioniert, wie die Quotenerhebung für die deutschen Fernsehsender: Marktforscher wählen nach einem fixen Schlüssel ein paar tausend Testpersonen aus und installieren bei ihnen die Radio-Uhren. Die Geräte registrieren, was um sie herum läuft und gleichen das mit dem ab, was erfasste Programme gerade senden.
Während für die MA derzeit allein das Erinnerungsvermögen der von ihr zufällig Angerufenen zählt, und die Sender das mit teils nervtötenden Image-Kampagnen just zum Befragungszeitraum befeuern, weist die Uhr Exakteres aus. FFH-Chef Hillmoth, der auch der Radiolobby im Privatsenderverband VPRT vorsteht, betont hingegen, die Radio-Uhr komme bisher nur in der Schweiz zum Einsatz, einem vergleichsweise überschaubaren Markt, und werde in einigen Regionen der USA getestet. Sie sei "noch nicht so weit ausgereift, dass sie für einen so komplexen Markt wie den unseren taugt". Die MA in ihrer derzeitigen Form sei "der verlässliche Standard", sagt Hillmoth. Die Erhebungsmethode müsse aber den "neuen Gegebenheiten" angepasst werden.
Wie schwer das werden könnte, erklärt Kühn, der mahnt: Jüngere Menschen seien es gewohnt, ihre Programme über Internet oder auf ihrem Handy zu hören. Die MA frage in ihren Umfragen aber nur danach, ob Radio gehört worden sei. "Jüngere Hörer assoziieren Radio mit dem Radiogerät. Wer im Web oder auf dem iPhone hört, der gibt häufig nicht an, dass er Programmen wie dem unserem folgt."
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"Die MA muss auch Hörer per Handys abfragen, um das junge Publikum zu erreichen." Hans-Dieter Hillmoth
Grafik: Hörerzahlen der Radiosender in Berlin/Brandenburg 2009/2010. Überall Gewinner: Dank einer erweiterten Datenerhebung (siehe Text) konnten die meisten Sender Zuhörer gewinnen. Marktführer in der Region bleibt das RBB-Programm Antenne Brandenburg vor BB Radio und 104.6 RTL. Prozentual legte Jam FM am stärksten zu: Die Zahl der Hörer stieg um fast 70 Prozent.