Lange nichts von der Schweinegrippe gehört? Na, dann machen Sie sich mal auf was gefasst: Nicht das H1N1-Virus ist gefährlich, sondern der Impfstoff dagegen, mit dem die Menschheit ausgerottet werden soll. Das glaubt jedenfalls der französische Anwalt Jean-Pierre Joseph, der im vergangenen Jahr ein Fernsehinterview nach dem anderen gab, um seine Landsleute zu warnen. Auch die Informatiker Ives und Stephane wollen aufklären, allerdings über die vermeintlichen Machenschaften der US-Regierung. Die habe die Anschläge vom 11. September 2001 selbst geplant und nachher El Kaida in die Schuhe geschoben, sind die beiden Franzosen überzeugt. Ihre Theorien sind zwar längst widerlegt, aber davon lassen sie sich bei ihren Flugblatt-Aktionen in Fußgängerzonen ebenso wenig stören wie der Anwalt bei seinen Fernsehinterviews.
Für die Arte-Reportage "Verloren im Nachrichtendschungel" hat Filmemacher Ted Anspach die vermeintlichen Aufklärer besucht und dokumentiert, wie sie die Medien, vor allem das Internet, nutzen, um ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten. "Im Netz werden wir mit Informationen überflutet. Es wird immer schwieriger, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden", heißt es im Film. Die selbst ernannte Nachrichten-"Agentur" Alterinfo etwa verkleidet ihre Hetzberichte gegen Israel und den "jüdischen Imperialismus" als seriösen Journalismus, hat sich Presseausweise gebastelt und wettert gegen alle, die Kritik äußern, indem sie sich lautstark beschwert, ihre Meinungsfreiheit solle eingeschränkt werden.
Dass im Internet viele Spinner unterwegs und manche davon gefährlich sind, ist nichts Neues, auch Verschwörungstheorien gibt es bereits seit Jahrtausenden. Anspach ist aber insofern ein aufklärerisches Werk gelungen, als sein Film zeigt, wie auch die größten Unglaublichkeiten durch eine organisierte Verbreitung im Netz tatsächlich eine beunruhigende Dynamik entwickeln und plötzlich ganz plausibel erscheinen. Trotzdem passt "Verloren im Nachrichtendschungel" nicht so recht zum Arte-Themenabend "Journalismus auf Abwegen", den der Film heute eröffnet und bei dem es eigentlich darum gehen soll, wie der seriöse Journalismus unter Sensationsgier und Verflachung leidet. Um die Arbeit professioneller Journalisten geht es in Anspachs Film aber nur ganz am Rande.
Als Negativbeispiel hat der Filmemacher lediglich den Moderator eines französischen Fernsehsenders auftreiben können, der ein unkritisches Interview mit dem Autor eines 9/11-Internetfilms führte, in dem behauptet wird, die US-Regierung habe ein Flugzeug mit Rakete ins World Trade Center gelenkt. Für eine großflächige "Infiltrierung der Massenmedien" durch die Verschwörungstheoretiker, vor der sein Film warnt, hat der Autor keine stichhaltigen Belege finden können.
Im Gegenteil: Bei einem kurzen Abstecher von Frankreich nach Deutschland traf das Arte-Team eine junge Band, in deren Raps es vor Verschwörungstheorien nur so wimmelt, die aber - wie Anspach berichtet - von den deutschen Medien bisher konsequent ignoriert wird. Der einzige, der den kruden Theorien der jungen Musiker zu Aufmerksamkeit im Fernsehen verhilft, ist damit ausgerechnet der kritische Filmemacher selbst.
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Verloren im Nachrichtendschungel, 20.15 Uhr, Arte
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Foto: Die mysteriösen Texte einer deutschen Rap-Band stehen online.