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Unterm Lindenbaum

Wie Twitter, Facebook und Co. die Lokalzeitung retten können

Ralf Siepmann

Bei der Rhein-Zeitung in Koblenz gibt es neuerdings einen Redakteur, der ausschließlich Aktivitäten in sozialen Netzwerken betreibt. Der Trierische Volksfreund nutzt jeden erdenklichen digitalen Kanal, um seine Reichweite auch unter jenen auszubauen, die um das gedruckte Blatt einen Bogen machen. Volksfreund.de ist Online-Plattform für mittlerweile mehr als 800 Blogs. Darunter sind sogar massive Kritiker der Zeitung. Der "Augenzeuge" der Thüringer Allgemeinen liefert Tag für Tag zwei bis drei aktuelle Videos zu lokalen Themen. So kommen beispielsweise die Karnevalisten von Großbodungen zu einem Bewegbild-Auftritt. Junge Leute unter 20 hat yourzz.fm im Blick. Das Webradio ist neben Print und Online ein Element des trimedialen Projekts des Westfälischen Anzeigers in Hamm. "Uns geht es um lokale Inhalte, ganz gleich über welchen Kanal", sagt Programmchef Andreas Heine.

Drei von vier Deutschen lesen täglich eine lokale Zeitung. 82 Prozent halten sie für "unverzichtbar". "Essenziell" nennt Bodo Hombach den Lokalteil. Das Bild vom "Brunnen" und vom "Lindenbaum" bemühte der Geschäftsführer der WAZ-Gruppe beim Forum Lokaljournalismus in Dortmund, um die Bedeutung der lokalen Redaktion für Demokratie und Mitwirkung im Nahraum plakativ zu machen.

Rubrikenmärkte im Netz

Doch mit der publizistischen Idylle unterm Lindenbaum ist es nicht nur für viele Lokalausgaben der vier Haupttitel des Essener Medienkonzerns vorbei. Die Auflagenverluste und Anzeigeneinbußen treffen die 333 lokalen und regionalen Abonnementszeitungen mit ihren rund 1 500 Ausgaben in der Substanz. Ihre Online-Auftritte bringen zwar höhere Reichweiten. Doch sind die für Zeitungen wichtigen Rubrikenmärkte weitgehend und unwiderruflich ins Internet abgewandert. Die Zuwächse im Online-Werbeaufkommen landen bei Google und anderen branchenfremden Wettbewerbern, kaum noch bei den Zeitungen.

Republikweit hat die Branche die Zeichen der digitalen Medienwende erkannt. Leser von einst wollen heute ihr Wissen einbringen und sich mit ihrer "Community" austauschen. "Heute müssen Lokalzeitungen völlig anders gemacht werden als in den Jahrzehnten davor", sagt Wolfram Kiwit, Chefredakteur der Dortmunder Ruhr-Nachrichten. In praktisch allen Zeitungshäusern zwischen Anklam und Zweibrücken hat die Suche nach dem Zeitungsmodell von morgen begonnen. Klar ist das Ziel. "Es kommt darauf an", sagt Kiwit, "Leute nachhaltig zu bewegen, 21 oder mehr Euro für das Monatsabonnement zu zahlen, und genügend Reichweiten zu halten, um Handelsketten weiterhin als Anzeigenkunden zu haben". Dagegen liegen die Wege nach vorn im Dunkeln. "Sie sind die Neandertaler der digitalen Entwicklung", antwortet Medienforscher Stephan Weichert auf die Frage, ob Lokalzeitungen im Internet angekommen seien.

Vielgestaltig wie die Zeitungslandschaft sind auch die Anstrengungen der Verlage, die Zeitungen in die digitale Gegenwart zu bringen. Bei den Ruhr-Nachrichten sind die traditionellen Lokalredaktionen aufgelöst worden. Reporterteams schwärmen in die Berichtsgebiete aus, recherchieren und leiten ihre Berichte drei regionalen Newsdesks in der Zentrale zu. Hier werden die unterschiedlichen Ausgaben montiert. Editoren arbeiten am Layout und am Online-Auftritt. "Kanalaffines Aufbereiten von Nachrichten" nennt Kiwit die Produktionsweise.

Ob solche Ansätze, die künftige Position der Lokalzeitung von Print aus zu entwickeln, Erfolg bringen werden, muss offen bleiben. Sascha Lobo, Berliner Blogger und Autor, gibt der Lokalzeitung zwar auch im Internet eine Zukunft. Sie müsse jedoch stärker die Interaktivität des Netzes nutzen: "Lokaljournalismus hieß früher zu vermuten, was die Leute wohl lesen möchten. Heute ist jeder Artikel auch Marktforschung durch Feed-back."

Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, hat seine Strategie konsequent auf Interaktivität angelegt und setzt seit einem Jahr auf den Kurznachrichtenservice Twitter. "Regionalzeitungen", lautet sein Credo, "müssen in ,Social Media' unterwegs sein, wenn sie überleben wollen." Auf 30 redaktionelle Accounts haben es die Zentral- sowie die Außenredaktionen inzwischen gebracht. Bis zu 30 Kurznachrichten (Tweets) werden an manchen Tagen jeweils abgesetzt. Mehr als 13 000 Follower, also Abnehmer dieser Kurznachrichten, hat die Zeitung inzwischen so an ihre Marke gebunden.

Künstlicher Gegensatz

Die Effekte für Journalisten und Verlagsleute sind vielfältig. Die Redaktion kommt via Twitter verborgenen Themen auf die Spur. Dann und wann werden aus nicht lesenden Twitterern sogar wieder Zeitungsabonnenten. Konzertierte Aktionen im Web 2.0 mit digitalen Vertriebsformen seien geeignet, das Sinken der Zeitungsauflage wieder abzumildern, glaubt Lindner. Das Koblenzer Modell könnte dazu beitragen, den Dualismus zwischen Print und Online, zwischen Laien- und professionellen Journalisten zu überwinden. Ihn hält die Medienberaterin Katja Riefler schlicht für einen "künstlichen Gegensatz". Henrik Bortels, Online-Chef der Märkischen Allgemeinen, rät zur Kooperation. Es sei an der Zeit, nicht in Bedrohungsszenarien zu denken. "Der Markt ist auch ohne uns unterwegs", warnt Bortels.

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Interaktiv ist Pflicht

Experten meinen, dass die Zukunft der Lokalzeitungen in interaktiven Anwendungen im Internet liegt.

Vor allem junge Leser/ Nutzer bevorzugen Informationen im Web. Eine Möglichkeit, sie anzusprechen, ist das Webradio yourzz.fm des Westfälischen Anzeigers, der in Hamm erscheint (siehe Abbildung r.).

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Foto: Wie ein Neandertaler im digitalen Zeitalter: Für die Lokalzeitungen sind die idyllischen Zeiten - Linde hin, Eiche her - vorbei.