Gegen Ende seines Reisetagebuches "Traurige Tropen" widmet sich Claude Lévi-Strauss auch dem Islam. Er schreibt dort, dass er Angst vor einem Islam habe, der sich gegenüber dem anderen, dem nicht-islamischen Denken, verschlossen zeige. Man müsse befürchten, dass es künftig zu enormen Konflikten mit dem Westen kommt.
Genau 55 Jahre nach Erscheinen der "Traurigen Tropen" druckt Die Zeit einen Artikel von Ulrich Greiner, der in hochrichterlichem Ton von einem "tief greifenden Kulturkonflikt zwischen dem Islam und dem Westen" spricht. Was Lévi-Strauss einst fürchtete, beherrscht laut Greiner heute fast den ganzen Globus. Und spätestens seit dem 14. Februar 1989, als gekränkte Muslime nach dem Erscheinen der "Satanischen Verse" zum Mord an Salman Rushdie aufriefen, hätte der Westen wissen müssen, welche Gefahr vom Islamismus ausgehe.
Der Westen weiß das durchaus, er weiß nur nicht, wie er mit dieser Gefahr umgehen soll. Dass bombenwerfende und flugzeugentführende Menschen Verbrecher sind, ist ja nicht die Frage. Die beunruhigende Frage lautet vielmehr, was diese Menschen antreibt, gegen den Westen zu wüten, und warum sich der Westen davon zutiefst verunsichern lässt. In der Islamismus-Debatte des letzten Jahrzehnts wurde jedenfalls fast alles zur Disposition gestellt, was der Westen als seine Werte betrachtet.
Die intolerante Toleranz
Jetzt hat diese Debatte eine neue Stufe erreicht. Denn nun geht es um die richtige Kritik an einem sich terroristisch gebärdenden Islam. Henryk M. Broder, der polternde Schwarz-Weiß-Maler im Dauerdienst, schreibt in seinem neu aufgelegten Pamphlet "Kritik der Toleranz", dass die liberale Gesellschaft an ihrer eigenen Toleranz zugrunde gehe: "Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche - und Intoleranz für ein Gebot der Stunde." Broders schlichte Kampfmaxime lautet: Die Islamkritik muss militant werden. Necla Kelek, die deutsche Soziologin türkischer Herrschaft, argumentiert in dieselbe Richtung: Der Islam sei eben keine Religion wie das Christentum, sondern ein System mit totalitärem Anspruch. Und Ayaan Hirsi Ali, die niederländische Politikerin mit somalischen Wurzeln, spricht von einer verbrecherischen Weltanschauung.
Thomas Steinfeld beharrt in der Süddeutschen Zeitung dagegen darauf, dass, wer auf Toleranz pocht, auch dann nicht intolerant sein dürfe, wenn es andere sind. Im Übrigen seien demokratische Grundwerte keine "Glaubensartikel". Broder ist für ihn entsprechend ein fundamentalistischer "Hassprediger". Und Claudius Seidl, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, nennt Broder & Co. "unsere heiligen Krieger".
Der Ton ist auf beiden Seiten eitelkeitsgetränkt und herablassend, ja geradezu gesinnungsmilitaristisch - mit Siegermiene starren sich zwei Ideologien an. Beängstigend ist auch hier die Verschlossenheit gegenüber dem Anderen, mit dem sich die beiden Lager der Islamkritik gegenüberstehen. Wo sind sie denn, die westlichen Tugenden der Rationalität und des Dialogs? Broder wird immer, wenn es um die Sache geht, persönlich verletzend, Steinfeld schleudert der Gegenseite grobe Begriffsklötze ins Gesicht, Greiner mimt den zeigefingerwedelnden Oberlehrer, der alles schon immer gewusst haben will. So kommen wir nicht weiter.
Denn diese Grabenkämpfe sind offenkundig Ausdruck von Hilflosigkeit, auf beiden Seiten. Verständlicherweise: Wo soll man, historisch gesehen, eigentlich anfangen, wenn man über das Verhältnis von Islam und Westen nachdenkt? Für die Intoleranz-Prediger ist das einfach: Radikale Moslems sind mit Bomben auf den Westen losgegangen, und mit Bombenwerfern kann man nicht diskutieren. Was aber ist mit der jahrhundertelangen Geschichte davor? Ist der Westen nicht auch mit Schwertern und Bibeln in den Orient gezogen? Ist das Christentum nicht ebenso eine Religion mit universalistischem Anspruch? Und wie kann man das in die Debatte einbringen, ohne eines entschuldigenden Relativismus verdächtigt zu werden? - Ich weiß es auch nicht.
Vielleicht aber wäre es ein erster Schritt, ehrlich zu sein, so ehrlich wie Lévi-Strauss war: Wir haben Angst vor dem hegemonialen Anspruch eines radikalen Islam, weil er unsere Ruhe stört. Im Grunde will ja die Mehrheit des Westens von religiösen Fragen und ganz besonders vom Islam schlicht in Ruhe gelassen werden. Mögen Moslems, Christen, Juden beten zu wem auch immer, mögen sie glauben, was sie wollen, aber bitte, sie sollen uns verschonen damit. Genau dieser privatistische Blick auf die Religion ist für radikale Islamisten aber eine Provokation - und für uns säkulare Westler eine Selbstverständlichkeit.
Ehrlich zu sein hieße also, einzugestehen, wie fremd vielen von uns die radikale Version des islamischen Glaubens ist. Es fällt den meisten ja schon schwer, zwischen Islam und Islamismus überhaupt zu unterscheiden. Und dass das Tragen von Kopftüchern kein Zeichen von Unterdrückung ist, können wir uns schlechterdings nicht vorstellen. Dass eine Religion tatsächlich alle Lebensbereiche durchdringt, erst recht nicht. Die Art und Weise, wie wir auf den Islam blicken, sagt eben auch etwas über uns - man lese dazu den Aufsatz "Orient und Okzident" des Pariser Essayisten Adelwahab Meddeb in der aktuellen Ausgabe von Lettre International. Und man lese die soeben bei Suhrkamp erschienen Studien "Begriffsgeschichten" von Reinhart Koselleck. Dort ist eindrücklich dargestellt, dass jene Aufklärung, die der Westen für sich reklamiert, mit einem "Ausschließlichkeitsanspruch" auftritt, der sie selbst in Aporien treibt: Das aufklärerische Denken vermag alles Mögliche zu tolerieren, nur nicht jene Kräfte, die ihm entgegenstreben.
Ehrlich zu sein hieße aber auch, zu sehen, dass wir einstweilen einem Verständnis von Aufklärung anhängen, das diesen Namen nicht mehr verdient. Aufklärung war ja nie ein Toleranz-Einübungsprogramm; sie ist seit Descartes vor allem eine Schule des Zweifelns. Und sie ist etwas, das man nicht sicher in der Tasche hat: Aufklärung ist eine Haltung, die täglich errungen sein will.
Die Tugenden der Aufklärung
Die wichtigste Tugend aufklärerischen Denkens ist deshalb die Fähigkeit, selbstkritisch zu sein. So gesehen sind wir weitaus weniger aufklärerisch als wir glauben. Wird Aufklärung, wie bei Broder, zur leeren, vollständig geschichtslosen Polemik-Formel, hat sie alles verloren, was sie auszeichnet: Es gibt keine Aufklärung, die sich "militant" verteidigen lässt. Ein bisschen sollte man sich, werte militante Intoleranzler, im westlichen Aufklärungsdenken schon auskennen, wenn man es verteidigen will. Und ganz vergessen sollte man nicht, liebe Toleranz-Verfechter, dass jede Toleranz Grenzen haben muss, wenn sie nicht zum Geschwätz werden will.
Was das alles für den konkreten Umgang mit einem terroristischen Islamismus bedeutet? Keiner weiß darauf eine politisch umsetzbare Antwort. So viel aber ist klar: Krieg und Intoleranz haben sich als untaugliche Mittel erwiesen, und verhandeln lässt sich mit Terroristen nur äußerst bedingt. Die Politik agiert genauso ratlos und aktionistisch wie das Feuilleton mit dieser neuerlichen Islamismus-Debatte. Der eine hektische Vorschlag folgt dem anderen. So kommen wir offenkundig auch nicht weiter.
Es bleibt uns keine Wahl: Wir müssen das anwenden, was wir als unsere westliche Errungenschaft betrachten - das freie, kreative Denken. Momentan ist die Islamismus-Debatte in starren Mustern gefangen. Haben wir den Mut, nach neuen, unerhörten Wegen wenigstens zu suchen, statt uns gegenseitig zu beschimpfen.
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Jede Toleranz muss Grenzen haben, wenn sie nicht zum bloßen Geschwätz werden will.
Foto: Eine Frau, ja. Aber was denkt und fühlt sie? Wir wissen es nicht.