Ab und zu mailt mir ein alter Bekannter aus Barcelona, Tel Aviv oder Bukarest, wo er Kunstprojekte organisiert. Eine Freundin verschwindet regelmäßig, um in China oder Indien zu arbeiten, eine andere zog gerade nach Den Haag, die nächste schrieb neulich aus Helsinki, dass sie eventuell bald in Toronto wohnt. Während sich diese netten Menschen durch Zeitzonen und Kontinente bewegen, hacke ich das Eis von meiner Regentonne, hänge Meisenknödel an den Apfelbaum und bin nur ein bisschen neidisch. Wenn ich wollte, könnte ich mich ja auch vom Acker machen. Es finden sich immer Leute , die mit dem Gartenschlüssel auch gern die Verantwortung übernehmen. Wenn sie nicht gerade auf dem Sprung nach New York oder Düsseldorf sind.
Schwieriger ist die Sache mit dem Selbstverständnis: Wer als postmodern sozialisierter Mensch gelernt hat, Fixierungen und Grenzziehungen unsympathisch zu finden, kann die eingezäunte Scholle eigentlich nicht lieben. Wie heißt es so schön in Foucaults Besprechung des "Anti-Ödipus"? "Glaube daran, dass das Produktive nicht sesshaft ist, sondern nomadisch!" Wie lässt sich "Deterritorialisierung", wie Deleuze und Guattari den unentwegten, weltverbessernden Aufbruch nennen, mit geduldiger Kompostierung, mit zyklischen Abläufen, mit tief verwurzelten Pflanzen verbinden? Das Ideal des Nomadischen mit der Laubenpieperidylle?
Ich tröste mich damit, dass meine Parzelle mir immerhin nicht gehört, Kleingärtner sind Pächter, keine Eigentümer, und daher zumindest potenziell in Bewegung. Wie schnell das gehen kann, sieht man gerade an der Kolonie Württemberg, die nun tatsächlich bebaut werden darf. Und meine Kolonie am Flughafen Tempelhof wird, wenn ich Pech habe und wie ich hier schon beklagte, einem "Columbiaquartier" weichen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die überzeugendste Antwort auf mein Theorie-Parzellenpraxis-Dilemma ist gerade im Prinzessinnengarten am Moritzplatz zu besichtigen. Hier wird seit Juli "mobile, soziale, ökologische, urbane Landwirtschaft" betrieben (s. Berliner Zeitung v. 14. 11. 09). Anders als Garten- oder Hausprojekte, die auf dauerhafte Aneignung abzielen, ist man hier bereit, bei Bedarf wieder das Feld zu räumen. Möglich ist das dank transportabler, aus Plastik-Brotkisten gestapelter Hochbeete, die man leicht reisefertig machen kann. Sie sehen hübsch aus und machen unabhängig von der Bodenqualität. Wer mit einem grünen Hinterhof liebäugelt, aber angesichts öliger Böden zögert, kann sich hier inspirieren lassen. Pflanzen lieben Hochbeete. In ihnen sind sie nicht nur der Sonne näher, sondern werden von unten gewärmt, Stoffwechselvorgänge in den Kisten sorgen für ein paar Grad mehr.
Den Garten-Initiatoren Robert Shaw und Marco Clausen von der Nomadisch Grün (g)GmbH geht es neben dem Agrar-Nutzen um "nachhaltige Lebensstile, grünen Hedonismus und eine bessere Stadt". Kohlrabi, Herbstrüben und Fenchel sollen das Klima verbessern und die Nachbarschaft beleben. Es scheint zu klappen: Jugendliche kommen zur "Stadtsafari", Kitakinder üben sich im Gemüseanbau, man kann Beet-Patenschaften übernehmen oder einfach einen Kaffee trinken. Natürlich waren auch schon Musiker und Künstler zu Gast. International vernetzt ist man sowieso: Im Herbst schauten Delegationen aus Kuba und Südafrika vorbei. Im Winter hat ein Wanderzirkus sein Zelt im Prinzessinnengarten aufgeschlagen.
Einige Beete waren auch schon unterwegs, sie wurden zum Transit-Town-Festival am Boxhagener Platz befördert. Andere zogen als Teil des globalen PARK(ing) DAY vor die Deutsche Bank in der Friedrichstraße und verwandelten eine 6 qm kleine Freifläche in einen temporären Bio-Acker. Die Kästen lassen sich CO2-neutral mit Fahrrädern transportieren. Noch handlicher sind die aus Plastikflaschen gefertigten Minitreibhäuser, die im Prinzessinnengarten-Blog vorgestellt werden. Sie passen auch ins Handgepäck eines Flugreisenden.
Gefüllt mit Kompost und Ablegern wären sie ein schönes Geschenk für meine mobilen Freunde. Dann hätten sie immer ein Stück Berlin dabei. Für meinen Schrebergarten plane ich gerade ein solides Plastikkisten-Hochbeet. Weil es bestimmt alle Nachbarn neidisch macht. Und um mein Gemüse im Zweifel mitnehmen zu können. Wenn ich doch mal gehen will. Oder muss.