Immer mehr Menschen erkranken, weil sie den psychischen Belastungen am Arbeitsplatz nicht gewachsen sind. Sozialforscher Johannes Giesecke sagt, dass durch die Hartz-Reformen die Angst vor dem Job-Verlust bis weit in die Mittelschicht deutlich gestiegen ist.
Herr Giesecke, haben Sie gerade Stress?
Ja. Das liegt aber daran, dass wir gerade ein zweites Kind bekommen haben und ich Beruf und Familie unter einen Hut bekommen muss.
Viele Beschäftigte klagen über zunehmenden Arbeitsstress. Ist das nur gefühlt oder tatsächlich so?
Anhand der Statistiken der Krankenkassen lässt sich sehr wohl feststellen, dass psychische Erkrankungen zugenommen haben. Zwar rangieren sie noch hinter Rücken- oder Atemwegserkrankungen oder Verletzungen, die aber durch besseren Arbeitsschutz immer mehr abnehmen. Psychische Beschwerden hingegen nehmen zu, das ist das Bemerkenswerte.
Was sind die Ursachen?
Da gibt es mehrere. Die Arbeitszeiten werden ausgeweitet, insbesondere Wochenendarbeit und Schichtdienste. Außerdem wächst der Druck auf die Arbeitnehmer. Einerseits durch die Unternehmen. Andererseits ist durch die Hartz-Reformen die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust erkennbar gestiegen, bis weit in die Mittelschicht hinein. Das liegt daran, dass man sehr schnell in Hartz IV abrutscht und dann akut armutsgefährdet ist. Die Angst davor nagt an der Seele.
Was hat die Arbeitswelt im letzten Jahrzehnt am stärksten verändert?
Ganz klar haben atypische Arbeitsverhältnisse zugenommen, wie Befristungen oder Leiharbeit, was natürlich Unsicherheit mit sich bringt. In den Betrieben selbst hat der Druck zu mehr Effizienz zugenommen. Die Unternehmen stehen unter einem enormen internationalen Kostendruck, da wird an allen Ecken und Enden gespart. Das führt dazu, dass immer weniger Leute die gleiche oder sogar mehr Arbeit machen; der Stress nimmt zu. Aber auch das Arbeitsumfeld hat sich geändert. Neben Hartz IV wurden der Übergang in die Erwerbsunfähigkeit erschwert und das Rentenalter erhöht. Als Soziologe möchte ich aber noch folgendes betonen - die Ungleichheit in unserer Gesellschaft hat extrem zugenommen. Auch das macht krank. Die Menschen vergleichen sich mit denen, die mehr verdienen oder besitzen. Das betrifft nicht etwa nur Menschen am unteren Ende der Einkommensskala, sondern auch die in der Mitte. Die Menschen empfinden die Gesellschaft als ungerecht, und das schadet dem seelischen Wohlbefinden.
Kann das so weiter gehen?
Wenn man sich in der Welt umschaut, kann es sehr wohl so weiter gehen. Deutschland ist, was die Zahl der Krankheitstage betrifft, international noch sehr weit hinten. Es gibt Länder mit viel mehr Krankentagen, beispielsweise Frankreich oder Polen.
Soweit sollte es ja nicht kommen. Leisten die deutschen Unternehmen genug für den Gesundheitsschutz?
Die Gesundheitsprävention in den Betrieben ist natürlich sehr wichtig. Bei der Verhütung von Arbeitsunfällen ist sie relativ erfolgreich. Doch der psychische Druck nimmt wie gesagt zu. Um diesen zu reduzieren, müssten mehr Leute eingestellt, die Arbeit besser organisiert oder die Arbeitszeit verkürzt werden. Bei den vielen Arbeitslosen wäre gesellschaftlich eine bessere Umverteilung der Arbeit ein wünschenswerter Weg, auch wenn dies im Einzelnen schwierig umzusetzen ist.
Die Arbeitszeiten sind in den letzten Jahren aber eher verlängert worden.
Stimmt. Im öffentlichen Dienst wie in der Privatwirtschaft ist die Stundenzahl erhöht worden, und zwar ohne Lohnausgleich. Erkauft wurde das mit dem Versprechen sicherer Arbeitsplätze.
Die 35-Stunden-Woche, einst Kampfziel der Gewerkschaften, ist derzeit kaum ein Thema mehr.
Leider ist das Thema politisch so gut wie tot. Immer mit dem Argument: Wir stehen im globalen Wettbewerb - Inder, Chinesen, Japaner und Amerikaner arbeiten mehr. Was auch stimmt. Das sind aber auch die Länder mit großen Ungleichheiten, einer schlechten Gesundheitsversorgung und - in den USA - enorm hohen Kosten im Gesundheitssystem.
Deutschland kann bei Arbeitszeiten und Löhnen doch nicht mit Indien oder China konkurrieren?
Richtig. Doch ist Deutschland in den letzten Jahren, gemessen an den Arbeitskosten, konkurrenzfähiger geworden, weil die Lohnabschlüsse moderat waren und die Arbeitszeiten verlängert wurden. Das ist dennoch nicht der richtige Weg. Hightech und Qualitätsarbeit sind die Trümpfe, die Deutschland ausspielen muss. Doch dafür muss man investieren, vor allem in Bildung. Was da derzeit im föderalen Deutschland passiert, ist nicht ermutigend.
Nicht wenige Menschen arbeiten inzwischen für Löhne, von denen sie nicht leben können. Betreiben hier Firmen Sozialmissbrauch?
Wenn ein Arbeitgeber schon mit fünf Euro Stundenlohn und der staatlichen Aufstockung kalkuliert, ist das natürlich ein falscher Ansatz. Schließlich ist Hartz IV nur ein Notfall-Instrument und kein Kombilohn. Es gibt Branchen, in denen es schwierig ist, höhere Löhne zu zahlen. Bestes Beispiel sind die Friseure. Da kann man sicherlich fragen, ob wir zu viele Friseure haben. Oder sind die Kunden nicht bereit mehr zu zahlen als zehn Euro für den Haarschnitt? Hier könnten Mindestlöhne sicher helfen, obwohl ich die Festlegung der Höhe für schwierig halte, um nicht wiederum Arbeitsplätze zu vernichten. Wenn der Haarschnitt mehr kostet, gehen die Leute vielleicht nicht mehr so oft zum Friseur. Aber es ist tatsächlich ein echtes gesellschaftliches Problem, wenn man mit Arbeit nicht aus der Armut rauskommt. Und da schließt sich der Kreis: Wenn die Ungleichheit zunimmt, dann werden nicht nur die Leute krank, die unmittelbar betroffen sind, sondern auch die, die Angst haben, in eine solche Situation zu geraten.
Das Gespräch führte Petra Wache.
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Foto: Johannes Giesecke (36) ist Arbeits- und Sozialforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Er studierte Sozialwissenschaften an der HU Berlin sowie an der Duke University und promovierte 2005 zum Dr. phil. Seit 2007 ist er am WZB beschäftigt.
Foto: Arbeitsstress: Schon im Klassiker "Modern Times" rastet Charly Chaplin deswegen aus.