Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist mit ihrer Geduld am Ende. Die Deutsche Bahn sei nicht in der Lage, die "selbst produzierte Krise" bei der Berliner S-Bahn in den Griff zu kriegen, sagte sie gestern verärgert. "Ein schlichtes Verhandeln über die Fortführung des S-Bahn-Vertrages", der am 14. Dezember 2017 auslaufe, komme für sie deswegen "nicht in Frage".
Drei mögliche Alternativen für einen künftigen Betrieb der S-Bahn präsentierte Junge-Reyer. Die erste sieht vor, dass die Leistung für einen Teil des Streckennetzes ausgeschrieben wird. Nach der zweiten Variante würde das Land Berlin den Betrieb eines Viertels des S-Bahnnetzes an die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) übertragen. Die dritte Möglichkeit sieht vor, dass das Land Berlin die S-Bahn von der Deutschen Bahn komplett erwirbt. Viel Geld würde der Senat jedoch dabei nicht bezahlen. Junge-Reyer sagte, die S-Bahn habe derzeit keinen positiven Wert.
Die Deutsche Bahn will sich von der S-Bahn nicht trennen und auch keine einzelnen Strecken abgeben. Das für den Personenverkehr zuständige Vorstandsmitglied Ulrich Homburg erklärte gestern: "Ein Rückzug oder Verkauf steht für uns nicht zur Debatte." Die Bahn unternehme "jede sinnvolle finanzielle, personelle und technische Anstrengung, um den Fahrgästen schnellstmöglich wieder ein akzeptables Verkehrsangebot zu bieten", versicherte Homburg. Es bleibe bei dem Ziel, dass die S-Bahn noch dieses Jahr zum Normalfahrplan zurückkehre. Ende Januar werde die Bahn nähere Aussagen darüber treffen können, "in welchen Schritten der Weg zum Normalfahrplan in diesem Jahr vollzogen wird". Wenn es Klarheit darüber gebe, werde man "über mögliche zusätzliche Entschädigungen entscheiden", sagte Homburg.
Junge-Reyer zeigte sich gestern skeptisch gegenüber den angekündigten Verbesserungen bei der S-Bahn. "Ich glaube erst dann, dass es funktioniert, wenn ich die Ergebnisse sehe", sagte sie. Dass die Deutsche Bahn einen Verkauf der S-Bahn ablehnt, bedeute noch nicht, dass sich die Frage damit erledigt habe. Sie glaube, dass dies nicht allein auf Unternehmensebene entschieden werde, sagte Junge-Reyer. Ein Hinweis darauf, dass der Bund als Eigentümer ein Wörtchen mitzureden habe.
Zwar läuft der S-Bahnvertrag erst Ende 2017 aus, doch wird die Zeit für eine Ausschreibung der Strecken schon jetzt knapp. Etwa anderthalb Jahre wird es laut Junge-Reyer dauern, bis die Aufträge nach einer Ausschreibung vergeben sind. Danach muss das Unternehmen, das den Zuschlag erhält, noch fünfeinhalb Jahre einkalkulieren, um neue S-Bahn-Wagen zu bekommen. Diese müssen von der Industrie erst produziert werden. Die Anschaffung neuer Wagen ist nötig, weil S-Bahn-Züge aus anderen Städten auf den Berliner S-Bahngleisen nicht fahren können. Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen Stromversorgung und Sicherungstechnik. Nach Angaben von Junge-Reyer kann die Industrie in den fünfeinhalb Jahren voraussichtlich 380 Wagen herstellen. Weil es nicht mehr sind, kann zunächst nur der Betrieb auf einem Teil des S-Bahnnetzes ausgeschrieben werden.
Die Linkspartei sprach sich gestern dafür aus, die S-Bahn langfristig in kommunale Hand zu übernehmen. Die Grünen kritisierten, dass die Senatorin erst jetzt entschieden habe, den S-Bahn-Betrieb auszuschreiben. Ähnlich äußerte sich die FDP. Die Liberalen warnten zugleich, die S-Bahn an den "Monopolisten BVG" zu übertragen. Die CDU bemängelte, Senatorin Junge-Reyer sei Antworten für eine kurzfristige Krisenbewältigung schuldig geblieben.
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Strecken, die ausgeschrieben werden können
Das S-Bahn-Netz kann in drei Teilnetze getrennt werden, die sich weitgehend eigenständig befahren lassen: in den Verkehr auf der Ringbahn, auf der Stadtbahn und auf der Nord-Süd-Bahn. Jedes dieser Teilnetze könnte nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ausgeschrieben werden. Die Fahrgäste sollen das gesamte Netz mit einem Fahrschein nutzen können.
Kriterien für eine Auswahl der Teilnetze sind: 1. Das Netz soll ausschließlich mit den neu anzuschaffenden S-Bahn-Wagen bedient werden können. 2. Sowohl das ausgewählte Netz als auch das übrige Netz müssen jeweils wirtschaftlich zu betreiben sein. 3. Es soll sich um ein zusammenhängendes Netz handeln. Überlagerungen mit anderen Streckenabschnitten sind jedoch unumgänglich. 4. In den Teilnetzen muss es Werkstätten geben.
Die Absicht zur Ausschreibung der Teilnetze muss spätestens im Februar dieses Jahres im EU-Amtsblatt veröffentlicht werden. Die interessierten Bieter sollen auf diese Weise Gelegenheit haben, sich rechtzeitig auf den Wettbewerb vorzubereiten. Die Kosten für die Bestellung der benötigten 380 S-Bahn-Wagen belaufen sich nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf rund 600 Millionen Euro.
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Verkürzte Linien und längere Wartezeiten: der Not-Fahrplan
Linie Strecke/ Derzeitiger Regulärer Takt/
Streckenabschnitt Minutentakt Normale Strecke
S1 Oranienburg - Wannsee 10/20 5/10/20
Oranienburg - Frohnau 20
Frohnau - Wannsee 10*
S2 Bernau - Blankenfelde 10/20 10/20
Bernau - Buch 20
Buch - Potsdamer Platz 10
Potsdamer Platz - Blankenfelde 20
S25 Hennigsdorf - Teltow Stadt 20 10/20
S3 Westkreuz - Erkner 10/20 10/20/Bis Spandau
Westkreuz - Ostbahnhof 20
Ostbahnhof - Friedrichshagen 10
Friedrichshagen - Erkner 20
S41 Ring im Uhrzeigersinn 10 5/10
S42 Ring entgegen dem Uhrzeigersinn 10 5/10
S45 Südkreuz - Flughafen Schönefeld Linie fährt nicht 20
S46 Westend - Königs Wusterhausen 20 20
S47 Südkreuz - Spindlersfeld 20 20
S5 Olympiastadion - Strausberg Nord 10/20/40 5/10/20/40/
Olympiastadion - Warschauer Straße 20 Bis Westkreuz
Warschauer Straße - Mahlsdorf/Hoppegarten 10
Mahlsdorf/Hoppegarten - Strausberg 20
Strausberg - Strausberg Nord 40
S7 Potsdam Hbf - Ahrensfelde 10/20 10
Potsdam Hbf - Ostbahnhof 20
Ostbahnhof - Ahrensfelde 10
S75 Spandau - Wartenberg 20 10/20
S8 Hohen Neuendorf - Grünau/Zeuthen 20 20
S85 Waidmannslust - Grünau Linie fährt nicht 20
S9 Pankow - Flughafen Schönefeld 20 20/Bis Blankenburg
* im Abendverkehr nur Gesundbrunnen - Zehlendorf im 10-Minuten-Takt
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"Für Leistungen, die nicht erbracht worden sind, bezahlen wir nicht. Vier oder fünf Millionen Euro werden wir für Januar einbehalten." Ingeborg Junge-Reyer (SPD), Verkehrssenatorin
Grafik: S-Bahn-Strecken können künftig von anderen Firmen befahren werden.
Foto: Die S-Bahn hat jetzt keine Garantie mehr, dass sie auch nach 2017 auf allen Strecken durch Berlin fährt.