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Blühender Zellstoff

Auf den Einbänden neuer Bücher wird man 2010 vor allem Pflanzen sehen

Katrin Schuster

Wer glaubt, ein Buch bestehe aus den nach ihm benannten Staben oder gar aus Seiten, der irrt sich. Man stabt oder seitet schließlich nicht in einem Buch, nein: Man blättert darin, ein Buch besteht so gesehen aus Blättern. Und das ist ganz und gar nicht metaphorisch, denn Papier, man kennt es, wird tatsächlich aus pflanzlichen Fasern fabriziert. Früher war das mal Holz, genau, aber das wird ja nicht mehr ganz so gern gesehen. Weshalb Papier nun auch aus bereits einmal oder gar mehrfach gebrauchtem und das bedeutet wohl: beschriebenem Papier gewonnen wird. Der postmoderne Denker weiß da längst, der Leser ahnt es ebenfalls: Das hat literarische Folgen! Und tatsächlich: Seitdem die Welt dem Recycling frönt, haben nicht nur literarische Selbstreflexivität und die sogenannte Intertextualität zugenommen, sondern nun muss die Pflanze, von der wohl immer weniger drinsteckt in so einem Buch, eben vorne drauf, auf das Cover.

Das war schon nicht mehr ganz neu, als Kathrin Schmidts Roman "Du stirbst nicht" ("Vom Hirnschlag erwacht - der atemberaubende Roman einer Heilung") sich mit dreieinzwölftel Kaktusblättern schmückte und bei Katharina Hagenas "Der Geschmack von Apfelkernen" ("Ein Roman über das Erinnern und das Vergessen, die Liebe und den Tod") ein Apfelbaumast von oben ins Bild pendelte. 2010 aber entkommt man dem Zellstoffismus gar nicht mehr: Susann Pasztors Roman "Ein fabelhafter Lügner" ("eine Familiengeschichte, in der das Tragische und Komische ganz eng beieinanderliegen") trägt verwelkende Mohnblüten vor sich her (wie übrigens auch Ralf Rothmanns "Feuer brennt nicht"); auf dem Cover von Ulrike Draesners Roman "Vorliebe" ("ein irrlichterndes Labyrinth aus romantischen Verwicklungen, das eine der Figuren nicht lebend verlassen wird") finden sich fein geäderte Blätter; und auf der Front von Beate Rothmaiers Roman "Fischvogel" ("ein dunkel leuchtender Roman über den Verlust der Kindheit") ragt ein Himbeerstrauch ins Bild. Blümchen und Blättchen sind offenbar mehr was für Frauenbücher - und Früchtchen mehr was für Männerbücher, man vergleiche nur die eine Eichel auf Andreas Maiers "Onkel J." ("alles andere als ein Kolumnenbuch") und die eine Pflaume auf Nicholson Bakers "Der Anthologist" ("ein romantischer, komischer und äußerst geistreicher Roman").

Mit unberührter oder wenigstens blaublumig duftender Natur hat das denkbar wenig zu tun, hier wuchert und wildert nichts, im Gegenteil. Die Blätter, Blumen, Früchte sind je fein säuberlich auf weißem Grund in ihrer Exemplarität ausgestellt, katalogisiert wie in einem Artenlexikon. Soll heißen: Nicht mehr nur das moderne Subjekt leidet unter Vereinzelung und Zerstückelung, wie es 2010 ebenfalls viele Cover anzeigen, sondern auch und nicht minder die Natur. Ach, Entfremdung: Die Blätter, Blumen, Früchte dienen nurmehr als Deko-Elemente, so dass sich die genannten Bücher bestimmt ausnehmend hübsch machen, wenn man sie in jene Reihen schmaler Vasen eingliedert, die für Wohlfühlatmosphäre in der Couchlandschaft sorgen, da darin je nur eine Blume Platz findet. Die Anatomie einer vereinsamten Natur stellen Schmidts, Hagenas, Pasztors, Bakers Cover ohnehin besser aus als jede Aster - weil sie schlichtweg nicht verwelken. Nur ob das auch für die Buchstaben dahinter gilt, ist damit leider nicht gesagt.

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Foto: Die sibirische Schwertlilie ist die Blume des Jahres 2010.