Was jahrelang als spießig und langweilig galt, liegt mit einem Mal wieder voll im Trend. Immer mehr Berliner verabreden sich am Silvesterabend zum Fondue. Stundenlang sitzen sie mit Familie und Freunden um den heißen Topf herum, in dem Fleisch- oder Gemüsestücke garen. In vielen Fondue-Restaurants der Stadt gibt es am Silvesterabend keine freien Plätze mehr. "Wir sind ausgebucht", heißt es etwa im "Feuer und Flamme" in Friedrichshain.
Von einem "modernen Rückfall zur Gemütlichkeit" spricht der Kochexperte Dieter Großklaus. Der Kenner der Berliner Gastronomie und Esskultur leitet die Jury der Berliner Meisterköche, die jedes Jahr die besten Köche kürt. Großklaus sagt, Fondue eigne sich am letzten Tag des Jahres besonders gut als Kocherlebnis. "Man kann das Essen so herrlich ausdehnen und sich dabei gut unterhalten."
In den Fleischereien der Stadt haben die Kunden zum Jahresende vor allem Fonduefleisch gekauft: Filets von Rind, Schwein und Lamm sowie Geflügel. "Zu Silvester ist die Nachfrage nach Filets noch größer als zu Weihnachten", sagt Klaus Gerlach, Obermeister der Fleischer-Innung Berlin. Dabei setzt sich beim traditionellen Fondue ein neuer Trend durch: Immer häufiger garen die Feiernden ihre Fleischhappen oder Gemüsestücke in Brühe und nicht in Öl. "Das Fleisch hat so ein noch besseres Aroma, es ist nicht durch aggressives Öl geprägt", sagt Großklaus.
Eine Auster für 1,50 Euro
Gutes Essen mit weniger Kalorien lautet also das Motto, wenn es ums letzte Mahl des Jahres geht. Dabei sparen die Hauptstädter nicht an Genüsslichem und Delikatem. "Zu einem Spitzenereignis gehört ein Spitzenerzeugnis", sagt Großklaus. "Es gibt eine große Bereitschaft der Berliner, den Sprung in die ,Gourmandie' zu wagen."
Und so kaufen viele Berliner zu Silvester schon mal Hummer, Austern, Trüffeln und Filets. Zeitaufwändige Gerichte bereitet an diesem Abend wohl niemand zu. "Silvester will niemand lange in der Küche stehen, es muss schnell gehen und es muss etwas Besonderes sein", sagt Serhat Metin, Vertriebsleiter bei Havelland-Express in Westend. Die Firma beliefert etwa 250 Berliner Hotelküchen und Restaurants, auch Privatkunden kaufen dort ein. Austern, Steinbutt, Hummer, Wachteln und Trüffeln sind der Renner am Jahresende, auch Kaviar vom Stör, gefangen in der Müritz - 150 Euro kostet eine 125-Gramm-Packung.
In den beiden Filialen vom Frischeparadies Lindenberg in Prenzlauer Berg und Charlottenburg verkaufen die Mitarbeiter zu Silvester "ganz viel Fisch", sagt Betriebsleiterin Stephanie Lobing. Auf der Liste der Vorbestellungen steht Lachsfilet aus Norwegen an erster Stelle, gefolgt von Austern, Thunfisch, Jakobsmuscheln, Seezunge und Seeteufel. Auch Schwarze und Weiße Wintertrüffeln haben die Händler vorrätig, allerdings kostet ein Kilogramm 4 000 Euro.
Für den letzten Dezembertag hat Dietmar Rogacki 4 000 Austern bestellt, es ist die größte Menge des Jahres. In seinem Feinkostgeschäft in Charlottenburg kostet die salzige Delikatesse etwa 1,50 Euro pro Stück. In der Feinschmecker-Etage vom KaDeWe am Wittenbergplatz haben viele Kunden vorbestellt, etwa Hummerplatten für 75 Euro.
Doch längst nicht alle Berliner essen am Silvesterabend zu Hause, viele lassen sich im Restaurant bedienen. Und auch dort gibt es Neuigkeiten. Statt langer Saalfeiern vom Abendessen bis zum Tanz nach Mitternacht, speisen die Gäste nun schon gern ab 16 Uhr, verlassen am Abend das Lokal dann aber wieder, ohne viel Alkohol getrunken zu haben, gehen nach Hause, auf Partys oder zu Freunden. Das hat Klaus-Dieter Richter, Vizepräsident des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga beobachtet: "Die Ess- und Trinkgewohnheiten haben sich geändert", sagt er. "Heutzutage geht es um Trinken und Essen mit Stil, nicht um Menge und Masse."
Eine Stulle am Zoo
Doch es leben auch Menschen in der Stadt, für die ist Essen keine Frage des Stils sondern des Geldes. Sie sind zu arm für einen Austernabend zu Hause, einen Restaurantbesuch können sie sich nicht leisten. In Suppenküchen und bei der Bahnhofsmission bekommen sie eine kostenlose Mahlzeit. Mit etwa 500 Bedürftigen rechnen die Mitarbeiter am Silvesterabend. "Die meisten Besucher sind schon zufrieden, wenn sie bei uns eine Stulle kriegen", sagt eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo.
------------------------------
Foto: Hunger auf Hummer: Etwa 20 Euro kostet ein Kilo. Die Delikatesse wird lebendig in siedendem Wasser gekocht.
Foto: Das waren noch Zeiten: Beim Promi-Fondue im Jahr 1966 saß die deutsche Schlagerszene gut gelaunt um den heißen Öltopf herum - Margot Eskens, Lilli Lindfors, Roy Black, Wencke Myhre, Brigitt Petry (v. l.).