NIKOLAUS BERNAU freut sich über die Debattenkultur von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.
Was ist denn nun die Handschrift der nicht mehr so neuen Senatsbaudirektorin Regula Lüscher? Das wurde zuletzt zunehmend gefragt. Seit Donnerstagabend ist sie deutlicher geworden. Am Tag zuvor hatte Lüscher Journalisten eingeladen, sich die neuesten Ideen von drei Architektur- und Landschaftsplanerbüros über die Zukunft der Berliner Altstadt anzusehen. Tags drauf erschienen folgerichtig in allen Zeitungen Berlins große Berichte und die Ankündigung, dass Lüscher diese Pläne in der Spandauer Straße 2 debattieren wolle. Es war knallvoll, gut 300 Bürger ließen sich die Ideen vorstellen und kommentierten diese.
Charakteristisch für das neue Klima war, dass erstens die Architekten als Team auftraten, obwohl sie unterschiedlichen Büros entstammen. Das oft reichlich testosterongeschwängerte Pfauengehabe bisheriger Berliner Stadtplanungsveranstaltungen war damit vermieden. Zweitens: Es gab eine wirkliche Aussprache zwischen Fachleuten, Interessierten und Betroffenen. In ruhigem Ton, ohne Polemik, (fast) ohne Schwarz-Weiß-Malerei.
Unter Lüschers Vorgänger Hans Stimmann planten die Fachleute unter sich, die Öffentlichkeit wurde erst dann einbezogen, wenn die Planungen politisch abgesichert waren. Auch das legendäre Berliner Stadtforum in den 90er-Jahren von Volker Hassemer war vor allem eine Fachleuteveranstaltung. Kaum verwunderlich also, dass so mancher gut etablierte Architekt, Stadtplaner und Stadthistoriker jetzt erst einmal die Fähigkeit der Nichtfachleute zu einer Planungsdebatte bezweifelte.
Lüscher aber bringt einen Hauch von Schweizer Basisdemokratie nach Berlin - debattiert wird schon im Vorfeld von Planungen, anhand von Alternativen, die erst mal gleichberechtigt nebeneinander stehen können. Allerdings darf nun nicht der Kern der Schweizer Lehren vergessen werden: Mitsprache heißt Mitverantwortung. Lüschers Offensive könnte die Berliner Planermächte wirklich ins Wanken bringen - aber auch die Selbstgewissheit a la Media-Spree-Gegenern, allein die Wahrheit zu künden.