BERLIN. Rainer Brüderle will mit einem Relikt aus alten Zeiten brechen: Der liberale Bundeswirtschaftsminister plant, das Verbot von Fernbuslinien in Deutschland zu kippen. Zwar dürfte dieses Vorhaben, das Brüderle im Koalitionsvertrag ausgehandelt hat, vor dem Jahr 2011 kaum den langen, umständlichen Weg der Gesetzesinstanzen durchlaufen haben. Doch so lange will Constantin Pitzen nicht warten: Mit seiner Fernbuslinie Autobahn Express geht der Busunternehmer bereits heute den Start. Denn mit viel Geschick und Überzeugung erwarb Pitzen für seine Buslinie eine Sondergenehmigung. Am Vormittag fährt nun der erste Linienbus zum Flughafen Halle/Leipzig. An Werktagen sollen die Busse vier mal verkehren, am Sonnabend und Sonntag jeweils dreimal. "Damit machen wir jetzt schon Politik von morgen", sagt Pitzen stolz.
Bahn muss zustimmen
Noch ist der 39-jährige umtriebige Unternehmer in seiner Branche ein Exot. Denn nach wie vor gilt in Deutschland ein weitgehendes Verbot für Fernbusse im Linienverkehr. Geregelt ist es in einem Sonderparagrafen des Personenbeförderungsgesetzes aus dem Jahre 1931. Damit wollten die Regierenden in der Weimarer Republik ihre Staatsbahn gegen unliebsame Konkurrenz schützen. Nur von und nach Berlin sind seit der deutschen Teilung nationale Fernbuslinien erlaubt. Der Paragraf gilt auch heute noch. Doch die Bundesregierung will ihn nun endlich kippen.
Eine Sondergenehmigung, wie sie Pitzen nun erhalten hat, ist aber schon heute möglich, wenn ein Busunternehmen nachweisen kann, dass sein Angebot die Verkehrsverhältnisse verbessert. Voraussetzung ist aber immer, dass auch die Deutsche Bahn einer solchen Konzession zustimmt. Das tut sie bis heute höchst selten. Pitzen hatte Glück. Er bedient nicht nur eine Nische, in der er dem Schienen-Monopolisten kaum weh tun wird. Er hat auch ein überzeugendes Angebot. Der Flughafen Halle/Leipzig und die Leipziger Messe sind von Potsdam aus mit dem Zug nur schlecht zu erreichen. "Wir sind mit dem Bus bis zu eine Stunde schneller als der Zug und deutlich preiswerter", erläutert Pitzen. So ist die Busfahrt von Potsdam zum mitteldeutschen Flughafen für günstige 14,50 Euro zu haben. Mit dem ICE kostet die Reise dorthin 46 Euro, mit dem Intercity 40 Euro. Selbst für die Fahrt im Regionalzug müssen Bahnkunden noch 27 Euro berappen - bei drei Stunden Fahrzeit und zweimal umsteigen.
Solche attraktiven Alternativ-Angebote zur Bahn könnte es schon bald auf vielen deutschen Strecken geben. Davon ist Dieter Gauf überzeugt. "Es stehen schon einige Unternehmen in den Startlöchern. Wenn das Gesetz fällt, legen die gleich los", sagt der Hauptgeschäftsführer des Internationalen Bustouristikverbandes. Der Bedarf sei riesig. Das zeigt allein die Fernbuslinie Berlin-Hamburg mit jährlich 400 000 Passagieren. "Vor allem wenn die Bahn ihre Preise erhöht oder Baumaßnahmen auf der Strecke sind, registrieren wir dort sofort einen Passagierzuwachs", sagt der Sprecher des Verbandes Deutscher Omnibusunternehmer, Martin Kaßler: "Unsere Unternehmen können preislich attraktive Angebote machen." Kaßler schätzt, "dass die um 30 bis 40 Prozent unter denen der Bahn liegen werden".
Bei manchen Unternehmern spüre man sogar eine Art Aufbruchstimmung. "Mit dem Fall des alten Gesetzes ergibt sich für so manches Busunternehmen eine völlig neue Geschäftsidee." So schwebt den Busunternehmern vor, künftig nicht nur Großstädte anzusteuern. Noch attraktiver könnten sogar Verbindungen in mittelgroße Städte sein, die bisher schlecht per Bahn zu erreichen sind. Aber auch Geschäftsreise-Busse etwa von Hamburg nach Frankfurt am Main wären denkbar, mit Internetanschluss am Sitz, Frühstück und Tageszeitung im Angebot.
Den Internet-Service im Bus liefert übrigens auch Constantin Pitzen an. Er hat vor allem zwei Kundengruppen ausgemacht, die sich für sein Angebot interessieren: Reisende, die schneller und umsteigefrei an ihr Ziel gelangen wollen und solche, die eine längere Fahrzeit in Bau in Kauf nehmen, dafür aber deutlich preiswerter reisen möchten: "Beides kann ich bieten."
Neukunden und Umsteiger
Selbst der bahnfreundliche Verkehrsclub Deutschland (VCD) und der Fahrgastverband Pro Bahn halten die Fernbuspläne durchaus für sinnvoll, weil auf diese Weise auch Menschen mit weniger Geld mobiler durch Deutschland reisen können. Pro-Bahn-Chef Karl-Peter Naumann fordert jedoch, dass Busse Autobahnmaut und Stationsgebühren zahlen müssten, so wie die Bahn Trassen- und Bahnhofsgebühren entrichten muss. Nur so sei ein fairer Wettbewerb gewährleistet.
So paradox es klingt: Die Fernbus-Zulassung muss der Deutschen Bahn nicht einmal schaden. Studien besagen nämlich, dass die künftigen Kunden von Fernbussen nicht von der Bahn kommen, sondern in erster Linie Neukunden und Umsteiger vom Auto sind. Die Busse werden damit eher zur Konkurrenz von Mitfahrzentralen. Zudem besitzt die Deutsche Bahn mit mehr als 10 000 Bussen die größte Omnibusflotte in Deutschland. "Die Bahn bereitet sich seit Jahren auf diesen Wettbewerb vor und hat die besten Voraussetzungen", sagt Busverbands-Sprecher Kaßler. Vor allem, weil sie das einzige Unternehmen sei, das Verkehrsströme exakt beurteilen kann. Und wer das könne, wisse am besten, wo sich der Einsatz von Fernbussen rentiert.
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Umweltverträglicher als die Bahn
Überraschung: Entgegen vieler Vorurteile ist Busfahren keinesfalls umweltschädlich - im Gegenteil: Busse verbrauchen pro Person im Vergleich zum Auto, Flugzeug und selbst zur Bahn mit Abstand am wenigsten Energie. Das Umweltbundesamt hat Energieverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß der einzelnen Verkehrsträger gemessen und zur besseren Vergleichbarkeit die Energieverbrauchswerte auf Diesel umgerechnet. Danach verbraucht ein Flugzeug auf 100 Kilometer 5,8 Liter Diesel und belastet die Atmosphäre mit einem CO2-Ausstoß von 36,9 Kilogramm pro Person. Bei einem Auto mit Katalysator sind es 6,2 Liter Diesel und 14,4 Kilo C02, beim Zug 2,7 Liter Diesel und 5,2 Kilogramm C02. Der Reisebus schneidet bei diesem Vergleich mit einem Dieselverbrauch von 1,4 Litern und einem C02-Ausstoß von 3,2 Kilogramm pro Person am besten ab.
Protektion: Vermutlich noch bis 2011 gilt in Deutschland ein Verbot für den Einsatz von Linienbussen im Fernverkehr im Linienverkehr mit Ausnahme von Verbindungen nach Berlin. Es stammt von 1931 und sollte die Investitionen des Staates in den Ausbau der Deutschen Reichsbahn schützen. In den meisten anderen Ländern gibt es derartige Verbote nicht. In den USA und Großbritannien zum Beispiel wird mit Fernbusnetzen ein beträchtlicher Teil des Verkehrs abgewickelt. Insbesondere Einkommensschwache nutzen die Busnetze häufig.
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Grafik: Anzahl der privaten Busunternehmen
Grafik: Energieverbrauch von Verkehrsmitteln
Grafik: Schadstoffausstoß von Verkehrsmitteln
Foto: Demnächst könnte es in ganz Deutschland Fernbus-Linien geben.