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FU-Präsident Lenzen rechnet ab

Präsident der Freien Universität will nach Hamburg wechseln und macht dafür Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner verantwortlich

Martin Klesmann, Torsten Harmsen

Die Nachricht vom plötzlichen Weggang des Präsidenten der Freien Universität (FU) Berlin, Dieter Lenzen, aus Berlin hat am Wochenende bei Politikern, Unternehmern und Wissenschaftlern große Aufregung ausgelöst. CDU-Landeschef Frank Henkel forderte den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf, "umgehend Bleibeverhandlungen mit Herrn Professor Lenzen aufzunehmen, um diese international hoch angesehene Kapazität in Berlin zu halten". Lenzen war am Freitag zum neuen Universitätspräsidenten in Hamburg gewählt worden, muss die Wahl aber noch annehmen.

Lenzen hatte seinen Schritt mit der aus seiner Sicht negativen Hochschulpolitik des Senats begründet. "Die zurückliegende Berliner Wissenschaftspolitik ist gekennzeichnet durch extreme finanzielle Rückschnitte, den Eingriff in bewährte Strukturen etwa bei der Universitätsmedizin sowie eine wachsende Detailsteuerung etwa bei den Hochschulverträgen", sagte Lenzen gestern der Berliner Zeitung. In Hamburg hingegen sehe er eine "reizvolle neue Aufgabe". Die Hamburger Universität sei "an dem Punkt, an dem die FU vor zehn Jahren war: Sie krankt an ihrem schlechten Image." Allerdings stellte Lenzen Bedingungen für einen Wechsel: So müsse Hamburg den politischen Willen mitbringen, "die Universität voranzubringen und eine bauliche Erneuerung unter Aufwendung erheblicher Finanzmittel einzuleiten". Außerdem müsse das Hamburger Hochschulgesetz so verändert werden, dass "Willensbildungsprozesse der Universität - insbesondere auch auf der Fachbereichs- und Institutsebene - wieder möglich werden". Nach den Verhandlungen in der nächsten Woche werde er "zeitnah" entscheiden, so Lenzen. Als möglichen Zeitraum für seinen Weggang nannte er das erste Quartal 2010.

Hart kritisierte Lenzen Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD). Ihm warf er ein "etatistisches Demokratieverständnis im Hochschulbereich" vor. So habe Zöllner 40 Millionen Euro aus den Uni-Haushalten "zum Zwecke der sogenannten Einstein-Stiftung" gestrichen. "Die Einstein-Stiftung hat zu keinem Zeitpunkt Sinn gemacht", sagte er. "Das Geld ist zur Kürzungsmasse geworden und wäre in den Hochschulhaushalten sicherer gewesen." Lenzen kritisierte auch die "Fehlkonstruktion des Charité-Konzerns". Nach alledem könne es kein Vertrauen mehr in die Planungssicherheit geben.

"Ich halte es für vollkommen falsch, Senator Zöllner Staatsdirigismus zu unterstellen", sagte Martin Sand, der Sprecher des Wissenschaftssenators. Gerade bei der Einstein-Stiftung gehe es doch eher um die Freiheit der Forschung. Für die geforderten Bleibeverhandlungen sieht Sand keinen Anlass. "Die FU ist finanziell bereits jetzt besser ausgestattet als die Hamburger Universität", sagte Sand. "Sowohl bei den Aufwendungen pro Professor als auch bei den Aufwendungen pro Student", sagte Sand. In Hamburg trifft Lenzen auf heftigen Widerstand eines Teils der Studenten. Auch der Ablauf der Wahl wird kritisiert. "Von Transparenz und universitärer Diskussionskultur keine Spur", sagte Katharina Fegebank, Vorsitzende der Hamburger Grünen. Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach (CDU) begrüßte indes die Entscheidung für Lenzen.

Unterdessen hat die Debatte um die Nachfolge Lenzens an der FU begonnen. Genannt wurden bereits als mögliche Kandidaten die Nordamerikanistin und Erste Vizepräsidentin der FU, Ursula Lehmkuhl, und der Germanist Peter André Alt. Erst vor wenigen Tagen hatte Alt, ein Vertrauter Lenzens, sich mit sechs anderen Professoren für einen Verbleib des FU-Präsidenten eingesetzt. Was die Suche nach einem Nachfolger für Lenzen betrifft, sagte Zöllners Sprecher: "Zunächst muss er die Wahl annehmen. Ich hoffe, dass er sich dann um eine ordnungsgemäße Übergabe bemüht."

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Lenzens Welt

Zur Person: Dieter Lenzen, 1947 im westfälischen Münster geboren, studierte in seiner Heimatstadt Erziehungswissenschaften. Der autoritäre Erziehungsstil seiner Lehrer soll ihn zu dieser Entscheidung gebracht haben. 1978 wechselte er als Professor von Münster an die Freie Universität Berlin, seit 2003 ist er Präsident der FU.

Führungsstil: Lenzen gilt als dynamische Führungsfigur, die aber Kollegen durchaus einbinden kann. Sein größter Erfolg als Uni-Präsident war es, dass die FU Exzellenzuniversität wurde. Vor Jahren war Lenzen sogar mal als möglicher Spitzenkandidat der CDU für die Berliner Abgeordnetenhauswahlen im Gespräch.

Kritik: Massive Kritik zog sich Lenzen zu, als er behauptete, der Intelligenzquotient türkischer Migrantenkinder sei niedriger als der deutscher Kinder. Er berief sich auf eine Studie der Uni Hannover. Lenzen war auch vorgeworfen worden, in der Nordamerikanistik der FU eine Berufung von Albert Scharenberg hintertrieben zu haben.

Ärger: Zuletzt hatte Lenzen kritisiert, dass Finanzsenator Ulrich Nußbaum nachträglich die Hochschulverträge bearbeitet habe. Die in Aussicht gestellten Gelder für zusätzliche Studienplätze seien mit der Formulierung "bis zur Höhe von" versehen worden. Lenzen sah Verabredungen gebrochen.

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Foto: Dieter Lenzen ist seit 2003 Präsident der Freien Universität und ein streitbarer Erziehungswissenschaftler. Nun will er weg - nach Hamburg.