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Ein Brief mit großer Wirkung

Vor 100 Jahren initiierte Adolf von Harnack die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

Armin Hermann

Nach der verheerenden Niederlage gegen Napoleon in der Schlacht von Jena und Auerstedt musste der Staat durch geistige Kräfte ersetzen, was er materiell verloren hatte. Der entscheidende Schritt war im Jahre 1810 die Gründung der Universität Berlin. Mit der neuen Friedrich-Wilhelm-Universität fühlten sich die preußischen Monarchen eng verbunden, und sie galt ihnen als das "geistige Leibregiment des Hauses Hohenzollern".

Als ein Jahrhundert später die Zentenarfeier bevorstand, ließ Kaiser Wilhelm II. sondieren, "welche Gabe er aus diesem Anlass der Universität darbieten solle". Im Preußischen Kultusministerium hatte man auf diese Frage schon gewartet. "Natürlich muss uns der Kaiser die zur Zeit vieldiskutierten großen Forschungsinstitute schenken", war die Antwort, "und er muss Adolf von Harnack mit einer Denkschrift beauftragen." So geschah es.

Adolf von Harnack, der berühmte evangelische Kirchenhistoriker, besaß das Vertrauen des Kaisers. Er war ein glänzender Stilist und verstand es, die psychologisch wirkungsvollsten Argumente ins Feld zu führen; im Zeitalter des Nationalismus waren das die über die angeblich oder wirklich gefährdete Spitzenstellung der deutschen Wissenschaft in der Welt. Die Denkschrift trägt das Datum des 21. November 1909. Drei Wochen später erfuhr Harnack vom Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts, dass "Seine Majestät gestattet habe, ihm die Denkschrift Wort für Wort vorzulesen". Er sei ermächtigt, dem Verfasser den "Allerhöchsten wärmsten Dank für die prachtvolle Arbeit" übermitteln.

Für uns heutige ist erstaunlich, dass Harnack den Gedanken an eigenständige, universitätsunabhängige Forschungsinstitute auf Wilhelm von Humboldt zurückführte, obwohl dieser mit dem Prinzip der "Einheit von Forschung und Lehre" die Hochschulen zu Trägern der wissenschaftlichen Forschung gemacht hatte. In Preußen galt nun einmal die Humboldtsche Tradition als heilig und unantastbar.

Selbstständige Forschungsinstitute für eine Vielzahl von Fächern war eine kostspielige Angelegenheit. Dem Staat konnte man die erforderlichen Mittel nicht noch zusätzlich aufbürden. Ohnehin stiegen die Etats der Universitäten in astronomische Höhen.

Walther Rathenau, der spätere Reichsaußenminister, dachte an eine Sammlung in breiten Schichten des Volkes, wie es beim Flottenverein der Fall war. Harnack hielt es für illusorisch, das ein zweites Mal zu versuchen. "Die Wissenschaft ist ein zutiefst aristokratisches Geschäft", sagte er, das dürfe man nicht vergessen. Die Mittel müssten von wohlhabenden Mäzenen aufgebracht werden. Harnack schlug die Gründung einer Gesellschaft unter dem Protektorat des deutschen Kaisers vor. Es sollte zwei Gruppen von Mitgliedern geben: die einfachen Mitglieder, die "zu einem nicht gering zu bemessenden jährlichen Beitrag verpflichtet" seien und die Senatoren, die Stifter großer Kapitalien.

Bald begann bei den führenden Männern eine emsige Tätigkeit. Es mussten die Spender gesucht und gefunden werden, um die Vision vom Aufschwung der Wissenschaften in Preußen und Deutschland in die Tat umzusetzen. In seiner Rede zum Universitätsjubiläum im Oktober 1910 konnte Wilhelm II. bekanntgeben, dass ihm bereits "mit begeisterten Zustimmungsäußerungen sehr ansehnliche Mittel, zwischen neun und zehn Millionen", zur Verfügung gestellt worden seien.

Ganz freiwillig kamen die Spenden allerdings nicht. Der gesamte preußische Staat stellte sich in den Dienst der Aufgabe. Ministerialerlasse ergingen an die Oberpräsidenten, die ihrerseits Erlasse an die Regierungspräsidenten und Landräte auslösten. Das Ergebnis waren Listen mit den Namen der kapitalkräftigsten Bürger. Die mit der Aktion befassten preußischen Beamten sprachen treffend von der "Einkreisung des Edelwildes für Professor Harnack und seinen Allerhöchsten Protektor".

Je nach der gesellschaftlichen Stellung der potenziellen Mäzene wurden diese von den Referenten des Kultusministeriums, vom Minister oder im Falle der "allerhöchsten Herrschaften" vom Kaiser selbst um Spenden angegangen. Das grenzte durchaus an Nötigung. Im Gegenzug erhielten die Spender alle denkbaren Ehren und Auszeichnungen, wozu etwa eine Einladung zu Hofe, die Verleihung eigens gestifteter Abzeichen, oder im Falle der Senatoren, eines Talars gehörte. Das erhöhte die Spendenbereitschaft insbesondere auch bei den jüdischen Mitbürgern, denen es um gesellschaftliche Anerkennung zu tun war.

Am 11. Januar 1911 fand die Gründungsveranstaltung der Gesellschaft statt. Zum Präsidenten gewählt wurde erwartungsgemäß Adolf von Harnack, der dieses Amt dann zwanzig Jahre bis zu seinem Tode ausgeübt hat. Sein Nachfolger wurde der große Berliner Physiker und Nobelpreisträger Max Planck.

Die ersten Institute entstanden im Berliner Stadtteil Dahlem. Hier war in den Jahren zuvor die königliche Domäne aufgelöst worden und deshalb standen geeignete Bauplätze in günstigster Lage zur Verfügung. Am 23. Oktober 1912 wurde das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie unter der Leitung der Professoren Ernst Beckmann und Richard Willstätter eingeweiht.

Außerdem gehörte zum Institut die Abteilung für radioaktive Forschung mit Otto Hahn und Lise Meitner. Im gleichen Jahr 1912 kam es auch zur Fertigstellung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie, das von dem aus Karlsruhe berufenen Fritz Haber geleitet wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärten die Alliierten die Bezeichnung "Kaiser Wilhelm" für nicht mehr tragbar, und die deutschen Gelehrten entschieden sich für die Umbenennung in "Max-Planck-Gesellschaft." Noch heute bilden die jetzt 80 Institute der Gesellschaft einen wichtigen Teil der deutschen Forschungslandschaft. Das kommt immer wieder durch die Verleihung von Nobelpreisen zum Ausdruck, wobei sich neben den Laureaten die betreffenden Institute geehrt fühlen.

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"Seine Majestät hat gestattet, ihm die Denkschrift Wort für Wort vorzulesen." Der Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts in einer Mitteilung an Harnack

Foto: Forschen Schrittes zur Einweihung eines Instituts (von links): Kaiser Wilhelm II. mit Generalarzt von Ilberg und Professor Adolf von Harnack.