Als ich neulich "Die Zeit" lesend in der U-Bahn saß, merkte ich mal wieder, wie unpassend dieses Wochenblatt für den öffentlichen Nahverkehr ist. Nicht nur des Formates wegen. "Die Würde der Armut" war ein Text von Ulrich Greiner im Feuilleton betitelt mit dicken Lettern. So etwas liest man mit gewissem Unwohlsein, wenn einem der Hartz-IV-Empfänger von nebenan über die Schultern guckt. Auch die Unterzeile "Der neue Klassenkampf bricht los: Warum wir nicht länger von Gleichheit reden sollten" ist nicht unbedingt geeignet, von einem Anzugträger in der Bahn abends um zehn stolz in die Höhe gehalten zu werden. Möge der Klassenkampf doch bitte woanders herbeigeredet werden, aber nicht hier in diesem voll besetzten Zug.
Ulrich Greiner dreht in seinem Text die Blechschraube noch etwas weiter, die der Philosoph Peter Sloterdijk in die betagte Karosserie des Sozialstaates gedreht hat. Sloterdijk hatte in einem auch nach Wochen noch viel diskutierten Beitrag in der FAZ über die "Kleptokratie" des Steuerstaates gestöhnt. Ein "massenmedial animierter, steuerstaatlich zugreifender Semisozialismus" sei das, was wir soziale Marktwirtschaft nennen. Gegen die angeblich herrschende Ausbeutung der Besserverdienenden durch die Arbeitslosen stellte er den Traum einer "sozialpsychologischen Neuerfindung der Gesellschaft". Man stelle sich eine "Revolution der gebenden Hand" vor, forderte er seine Leser auf. "Sie führte zur Abschaffung der Zwangssteuern und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit - ohne dass der öffentliche Bereich deswegen verarmen müsste."
Dieser Nachsatz wird in der Debatte meist weggelassen. Er gehört aber zum irrealen Gestus der Sloterdijk-These hinzu. Es ist ein Gedankenspiel in Narrenpose, ein clownesker Konjunktiv. Was wäre, wenn wir die in jahrhundertelangen Fortschrittsprozessen immer filigraner verwaltete Welt plötzlich von nichts anderem mehr regeln ließen als von der Tugend der Großzügigkeit?
Einbruch der Realität
Die Antwort gibt Sloterdijk nicht, sie ist aber einfach: Wir wären im Mittelalter und seiner Mildtätigkeitsidee angelangt, und genau dort landet der sonst meist als Literaturkritiker tätige Ulrich Greiner, indem er die Steuerdebatte um den Begriff der Barmherzigkeit erweitert. Auch Greiner erwärmt sich bei dem Gedanken, die "Kälte des Sozialstaates" mit all seinen entwürdigenden Aktenvorgängen und diesem Herumsitzen auf Sozialamtsbänken zu ersetzen durch eine Kultur der Almosen, durch "mildtätiges Herabblicken" und "hilfesuchendes Emporblicken". "Wenn man akzeptieren könnte, dass Ungleichheit zu den menschlichen Grundbedingungen zählt, gewänne die Tugend der Barmherzigkeit ihr altes Gewicht zurück." Und klar ist, "dass Barmherzigkeit die Würde des Empfangenden voraussetzt." Eine gewisse Anstelligkeit der Armen ist da gewiss förderlich.
An dieser Stelle der Lektüre wurde die Tür des U-Bahn-Wagens aufgerissen und hereintrat - ungelogen - ein Verkäufer der Obdachlosenzeitung. Die abgerissene Gestalt hatte verschorfte Entzündungen am ganzen Körper, lallte irgendwas von einem Wohnungsvermieter und schaute mit glasigen Augen und schlecht verhohlener Aggressivität in die Runde. Vom "hilfesuchenden Emporblicken" war bei ihm keine Spur und folgerichtig keine vom "mildtätigen Herabblicken" bei den anderen. Der Mann hatte kein Talent zum Betteln. Als ein der Barmherzigkeit Unwürdiger, hätte er im Mittelalter nur zwei Alternativen gehabt: Anschluss an eine Räuberbande oder das Ende in einem anonymen Massengrab, mit anderen Verhungerten. Dies freilich traf Würdige und Unwürdige oft gleichermaßen. Denn wer auf die Tugend der Güte zählt, muss den Geiz mit in Rechnung stellen.
Schon für sich genommen, geht Greiners Modell nicht auf. Er malt ein Idyll sozialer Wärme, das mit der Realität von Gesellschaften ohne geregelte Tugend wenig gemein hat. Der inbrünstige Barmherzigkeitskult einer Elisabeth von Thüringen beispielsweise war den Reichen des 13. Jahrhunderts ein Dorn im Auge. Die eigenen Verwandten drangsalierten sie, wo sie nur konnten. Denn sie sahen in ihrem freiwilligen Einsatz für Arme und Kranke ein politisches Programm. Im Übermaß der Mildtätigkeit empfanden sie bereits jenes Gespenst der Umverteilung, unter dem Sloterdijk und Greiner nun in vollem Ausmaß leiden.
Vor allem aber befremdet an dieser feuilletonistischen Steuerdebatte die Fixierung auf die Sozialausgaben. Als ob wir nur für Hartz IV Steuern zahlten! Steuern werden erhoben, seit der Staat sich um Straßen kümmert, um Polizei und Gerichtsbarkeit, um die Bildung und das Militär. Ohne Staat kann keine Privatwirtschaft gedeihen, er sorgt für die Infrastruktur des Wirtschaftslebens, den Schutz des freien Handels durch Justiz und Exekutive. Und er sorgt für die Sicherheit des Finanzmarktes durch Bürgschaften - durch das Auffangen strauchelnder Banken mit Steuerhilfe beispielsweise. Es sind die Transfers in den Finanzmarkt, die die öffentlichen Haushalte in die Ausweitung der Schuldenkrise geführt haben, nicht die Ansprüche der Armen.
Einen Zusammenhang aber zwischen der Finanzkrise und den philosophischen Angriffen von Sloterdijk und Greiner auf das Sozialwesen gibt es dennoch. Die Konjunkturmaßnahmen des Staates haben zwar zu dessen ökonomischer Schwächung, aber zu einer Stärkung der Politik geführt. Die Politik hat auf Kosten der Wirtschaft ein neues Selbstbewusstsein bekommen - zum Unbehagen des Mittelstandes. Dieser fürchtet, zwischen den Desastern der Konzerne und dem wachsenden Elend der Arbeitslosigkeit zerrieben zu werden.
Die Abwrackprämie erschien dem Mittelstand als ein Signal für das, was kommen wird: Man schenkt den Armen - den Altwagenfahrern - Geld, damit die Industrie aus der Krise kommt. Aus diesem Gefühl der Missachtung des Mittelstands resultierte der Wahlerfolg der FDP. Sie appellierte an seine Ängste und traf den Nerv, der sich in Ulrich Greiners Text entzündet hat.
Die Mehrheit der Steuerzahler ist allerdings viel reifer als ihre Intellektuellen. Die Parole "Make love not Steuererklärung" erinnert nicht von ungefähr an das Hippietum, das Sloterdijk nie ganz los geworden ist. Von einer Aufkündigung des Gesellschaftsvertrages, wie ihn Sloterdijk und Greiner ausmalen, ist nichts zu spüren. Da es sich zum Glück also nur um eine Feuilletondebatte handelt, schließen wir getrost mit Rainer Maria Rilke, der den Topos der würdigen Armut 1905 in seinem Langgedicht "Das Buch von der Armut und vom Tode" ausgemessen hat in all seinen irrealen Verzweigungen. Rilke hatte Angst vor der Stadt und ihren Massen und erträumte sich den wahren Armen. "Mach die Armen endlich wieder arm", flehte er: "Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen, /die ohne Willen sind und ohne Welt; /gezeichnet mit der letzten Ängste Zeichen / und überall entblättert und entstellt." Das war als frommer Wunsch ernst gemeint, nicht als Aufruf zur Steuerreform.
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Die Debatte um die "gebende Hand"
Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk veröffentlichte im Juni dieses Jahres in der FAZ einen Debattenbeitrag mit dem Titel "Die Revolution der gebenden Hand". Er beklagte eine "Ausbeutungsumkehrung" auf Kosten der "produktiven Schichten" und spielte mit dem Gedanken einer "Abschaffung der Zwangssteuer" und "deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit."
Ende September führte der Frankfurter Philosoph Axel Honneth den Gegenschlag für den Sozialstaat in der "Zeit" , indem er gleich das ganze Werk Sloterdijks verdammte, samt seiner Leserschaft: "Die Beliebtheit der philosophischen Essayistik des Peter Sloterdijk hing von Anfang an mit dem Aufstieg eines Milieus zusammen, das den kulturellen Erscheinungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates nur Verachtung entgegenbrachte, ohne aber für die politische Gestaltung der Zukunft irgendeine tragfähige Idee zu besitzen."
Karl Heinz Bohrer, einstiger Literaturchef der FAZ mokierte sich daraufhin über die "plebsfreundliche Entrüstung" Honneths und warf ihm vor, das aufgeworfene Problem zwischen Freiheit und Gleichheit nicht einmal erwähnt zu haben.
Alte Hüte!, antwortet der Besteller-Autor Richard David Precht im Spiegel. Nostalgische Probleme! Vielmehr sei ein kollektiver Tugendverlust bei Arm und Reich eingetreten, bei dem die Philosophie als "Ingenieurskunst der Seele" praktisch werden müsse.
Den Abschied vom Gleichheitsgedanken forderte dagegen Ulrich Greiner in der letzten "Zeit". Freiwillige Barmherzigkeit müsse der Armut die Würde zurückgeben.
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Wer auf die Tugend der Güte zählt, muss den Geiz mit in Rechnung stellen.
Foto: Die heilige Notburga spendet Brot. Gemälde von Johann Georg Oettinger, um 1700, aus dem Ulmer Museum für Brotkultur.
Die Dienstmagd aus dem 13. Jahrhundert verteilte Brotreste an die Hungernden, was ihr von der Herrin verboten wurde. Auch das durch ihr Fasten Eingesparte durfte sie nicht verteilen.