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LEUTE

Mit Restalkohol und Entschuldigungszettel

Zur Premiere von "Coming Out" fiel die Mauer - gestern wurde wieder im "International" gefeiert

Andreas Kurtz

Es war genau wie vor 20 Jahren. Während gestern am Brandenburger Tor das Mauerfall-Jubiläum gefeiert wurde, schauten knapp 600 Besucher im Kino International an der Karl-Marx-Allee den Defa-Film "Coming Out" von Regisseur Heiner Carow. Der erste und einzige DDR-Film über das Thema Homosexualität hatte am Abend des 9. November 1989 in genau diesem Kino seine Premiere erlebt. Viele Ehrengäste der gestrigen von Kinofachkraft Knut Elstermann anmoderierten Jubiläumsvorstellung erinnerten sich noch lebhaft an diesen Abend. Dagmar Manzel, die weibliche Hauptdarstellerin, kam zur Premiere vor 20 Jahren direkt von einer Vorstellung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Sie hatte dort auf einem Fernseher im Requisitenraum den Mauerfall gesehen und gleich mit den Theaterkollegen begossen. Als sie im International ankam und erzählte, die Mauer sei auf, hielt man das zunächst für eine alkoholbedingte Verwirrung. Als schließlich klar war, dass sie Recht hatte, fragte Walfriede Schmitt, die in "Coming Out" die Filmmutter von Hauptdarsteller Matthias Freihof spielte, in die Runde, ob man das mit der offenen Mauer nicht dem Publikum sagen sollte. Und bekam zur Antwort: "Nein, dann hören die auf zu klatschen!"

1989 mussten wegen des großen Andrangs nacheinander zwei Premierenvorstellungen gespielt werden. Matthias Freihof erinnert sich. "Das war ein anstrengender Tag, ich hatte zunächst Proben im Palast der Republik für die Show ,Classics' am selben Abend." Von dort wurde er von einem Fahrer der Defa abgeholt und ins International gefahren, wo schon zehn Minuten später die erste Vorstellung von "Coming Out" zu Ende war. "Vom Mauerfall wussten wir zu diesem Zeitpunkt nichts."

Unter denen, die die erste Vorstellung gesehen hatten, war Pierre Sanoussi-Bliss, einer der engsten Freunde von Freihof. Er erinnert sich so an diesen Abend: "Wir fuhren schon mal zur Premierenfeier in die Kneipe Zum Burgfrieden unweit der Bornholmer Brücke. Dort kriegten wir mit, dass die Leute zu Tausenden zum Grenzübergang strömten." Sanoussi-Bliss und andere Gäste der Premierenfeier machten sich spontan ebenfalls auf den Weg. "Aber nur 50 Meter. Uns war eingefallen, wie doof das für Matthias sein würde, wenn er zu seiner eigenen Premierenfeier käme und wir wären nicht da. Also sind wir zurück und haben auf ihn gewartet." Freihof und die anderen vom Filmteam kamen nach der zweiten Vorführung aus dem International in die Kneipe. Er ging dann mit Sanoussi-Bliss und anderen zur Grenze. Freihof weiß noch genau: "Wir standen lange auf dem weißen Streifen, der am Grenzübergang den Grenzverlauf markierte."

Die meisten zogen von dort weiter zum Kurfürstendamm und feierten die ganze Nacht durch. Sanoussi-Bliss: "Matthias sagte angesichts der Menschenmassen, die durch den offenen Schlagbaum in den Westen zogen: ,Das können die nie wieder rückgängig machen!' Also gingen wir zurück in meine Wohnung, um dort zu quatschen, Platten zu hören und ziemlich viel zu trinken."

Beide hatten am nächsten Morgen Proben: Freihof als Co-Regisseur in Berlin und Sanoussi-Bliss für eine Faust-Inszenierung am Staatsschauspiel in Dresden. Pierre Sanoussi- Bliss kam verspätet und mit Restalkohol im Blut an. Allerdings auch nicht unvorbereitet: "Matthias hatte mir für meinen Regisseur Wolfgang Engel einen Entschuldigungsbrief geschrieben."

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Foto: Wie vor 20 Jahren: Während am Brandenburger Tor der Mauerfall gefeiert wurde, trafen sich Matthias Freihof und Dagmar Manzel im Kino International.

Foto: Walfriede Schmitt spielt die Filmmutter von Hauptdarsteller Matthias Freihof.

Foto (2): Schauspieler Dirk Kummer (l.) ist der zweite Hauptdarsteller. Kollege Pierre Sanoussi-Bliss saß 1989 bei der Premiere im Publikum.