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EDITORIAL

Liebe Leserin, lieber Leser

Brigitte Fehrle

Es ist jetzt zwanzig Jahre her, dass die Mauer gefallen ist. Zwanzig Jahre, das ist ein merkwürdiger Zeitraum. Zwanzig Jahre sind ein Wimpernschlag für diejenigen, die am 9. November abends an der Bornholmer Brücke standen und forderten, dass der Schlagbaum aufgeht. Für heute 20-jährige junge Erwachsene sind diese zwanzig Jahre eine Ewigkeit. Sie sind heute so alt wie die jungen Leute, die im Frühjahr und Sommer '89 in den Kirchen oder Umweltgruppen Veränderungen forderten. Die mit Plakaten wie "Was heute nicht richtig ist, kann morgen schon falsch sein", gegen Egon Krenz demonstrierten. Uns, die Redaktion der Berliner Zeitung, hat in diesem Jubiläumsjahr die Frage beschäftigt, was eigentlich aus dieser fröhlichen Kompromisslosigkeit geworden ist? Wo sind die Träume und Wünsche dieser Monate geblieben? Wo ist die Fantasie, die Furchtlosigkeit hin? Wie viel von den Hoffnungen auf Veränderung ist heute in unserem gemeinsamen Deutschland aufgehoben? "Komm mit DDR, wir gehen nach Deutschland", stand einige Monate mit weißer Schrift am ehemaligen ZK-Gebäude in Berlin gesprüht. Man hätte ihn ergänzen können: Komm mit BRD, wir gehen nach Deutschland. Sind wir ihn gegangen, den Weg nach Deutschland? Gemeinsam?

Anekdoten von damals sind genug erzählt, finden wir, uns interessiert, was mit dem Land, mit uns Bürgern, geschehen ist in diesen 20 deutschen Jahren. Wir erzählen auf 16 Seiten Geschichten von verkehrten Welten, wie die einer armen Stadt im Westen und einer Ost-Stadt, die mit Soli-Geld gepäppelt wurde und gleichwohl nicht glücklich ist. Oder die der Völkerwandung in Berlin-Kreuzberg und Friedrichshain, die ein Bezirk wurden und wo wie nirgends sonst Ossis, Wessis, türkische Migranten, Amerikaner, Franzosen, Spanier hin und her ziehen und sich dabei irgendwie zu einem Volk mischen.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

Ihre Brigitte Fehrle, stellvertretende Chefredakteurin

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IM HEFT

Ignorante Coolness - als die Mauer in Kreuzberg fiel Seite 3

Leben auf Pump - die Wirtschaft im Osten gesundet nicht Seite 4

Arbeit ist das ganze Leben - bei Pendlern, fern der Heimat Seite 5

Verzögerte Attacken - der lange Weg in ein neues Leben Seite 6

Illusionen der Wende - Gespräch mit Katrin Göring-Eckardt Seite 7

Zahlen und Fakten - wie das Land zusammen wächst Seite 8/9

Späte Erkenntnis - über das Schulsystem des Ostens Seite 10

Jugendliche - ihr Interesse an der Ost-West-Geschichte Seite 11

Leerer Osten - armer Westen. So sieht es aus Seite 12/13

Fußball - die Kraft der Wiedervereinigung nutzte er nicht Seite 14

Angst - erst vor Überwachung, dann vor Arbeitslosigkeit Seite 15

Der Eiertanz - über die deutsche Frage. Ein Nachruf Seite 16