THOMAS ROGALLA glaubt nicht, dass Berlin ein zweites Freiheits- und Einheitsdenkmal braucht.
Heute ist der 5. November und bei der überwiegend wellenförmig verlaufenden Gedenkeritis in Sachen friedliche DDR-Revolution 1989 ist die Erinnerung an den 4. November 1989 schon fast wieder vergessen. Diesen unglücklichen Rhythmus (1 Tag gedenken, 364 Tage ignorieren) will der Deutsche Bundestag durch die Errichtung eines ehernen "Freiheits- und Einheitsdenkmals" auf der sogenannten Schlossfreiheit überwinden. Da ist zufällig ein wilhelminischer Denkmalsockel frei, ansonsten spricht, was 1989 angeht, so gut wie nichts für diesen Standort. Nicht ohne Grund ging ein bemühter Gestaltungswettbewerb für das Denkmal in einer Flut peinlicher und kitschiger Entwürfe unter. Der Bundeskulturminister will dort trotzdem weiterplanen, diesmal stärker auf die friedliche Revolution und die Einheit konzentriert.
Ein Denkmal dafür gibt es aber schon: Es ist die Installation zur friedlichen Revolution 1989 auf dem Alexanderplatz. Große stählerne Tafeln mit den Parolen von damals ("Wir sind das Volk") erinnern an die Flut der Transparente, auf denen am 4. November 1989 Hunderttausende das Abtreten der SED-Machthaber forderten. Die von der Robert-Havemann-Gesellschaft konzipierte Dokumentation auf dem Alex erfüllt alle Anforderungen, die an ein gutes Denkmal zu diesem Thema zu stellen sind: Sie ist klar in ihrer emanzipatorischen Haltung, aber nicht einseitig. Sie geht von dem authentischen Standort Alexanderplatz aus, aber sie ist nicht berlinzentriert. Die Verdienste der polnischen Befreiungsbewegung werden ebenso gewürdigt wie die Demonstrationen in den anderen Städten der DDR im Herbst '89. Dieses Freiheitsdenkmal kommt ohne Bronze und Granit aus, weil es den Ort, an dem Freiheit erkämpft wurde, würdigt. Deshalb zieht es Passanten und Touristen an. Es gibt keinen Grund, es wie geplant nach dem 3. Oktober 2010 abzubauen.