KÖLN. Der Kerl mit den farbverschmierten Fingern und der Fliegerbrille liebt die Provokation. "So müssen sich die Amerikaner gefühlt haben, als sie das erste Mal erfolgreich eine Atombombe gezündet haben", sagt Seak, der Graffiti-Künstler, der eigentlich Claus Winkler heißt. Seak ist zufrieden. Jüngst hat er, der Rheinländer, der in Hürth bei Köln lebt, gemeinsam mit drei anderen Graffiti-Künstlern in Paris einen Thalys besprüht. Jetzt fährt der Zug nach Berlin und Köln, Amsterdam, Paris und Brüssel. Legal bemalt, in drei Stunden 15 Minuten.
Seit den späten sechziger Jahren dringen Graffiti-Writer in New Yorker U-Bahnen ein, um Waggons zu bomben, wie es im Jargon der Szene heißt. Noch ist die Regel "Je illegaler, desto besser" für viele Sprüher Gesetz. Lässt Seak sich also vom Klassenfeind umarmen? "So ein Quatsch", sagt er. "Wenn jemand darauf beharrt, Graffiti sei illegal, ist er für mich ein Spießer. Ein Teil der Szene ist dogmatisch und superkonservativ. Ich trenne nicht zwischen legal und illegal. Graffiti ist Kunst, und ich will Graffiti öffnen für alle Gesellschaftsbereiche."
Seak knurrt. "Fett" findet er die Thalys-Aktion, zu der er so ähnlich gekommen sei wie "Michael Jordan zu Nike-Schuhen mit seinem Namen". Er mustert ausgiebig die Frauen in einem Kölner Café am Brüsseler Platz und zeigt seine Tattoos. "Today for me" steht auf dem linken Unterarm, "Tomorrow for you" auf dem rechten. Die Bilder habe er von dem Tätowierer aus Los Angeles, der auch den Rappern Eminem und 50 Cent ihre Hautgemälde sticht, erzählt er.
Prinzip blaue Orange
Der massige Körper scheint sich aufzupumpen mit Gewichtigkeit. Aus dem rasierten Schädel blitzen kühle Augen. Seak ist HipHop, ist hart, ist cool. Mit einem Grinsen entweicht Kälte. "Ich bewege mich am liebsten auf der Metaebene, Prinzip blaue Orange." Atombombe inklusive. Es ist auch ein Spiel mit dem Alter Ego, das früher kein Spiel war. "Claus", sagt Claus Winkler, ernst und weich, "durfte mich jahrelang niemand nennen."
Es ist der Klassiker früher narzisstischer Kränkungen: ein dicklicher Junge mit Brille, von Mädchen belächelt, von Jungs verspottet, vom Vater kurz gehalten, von der Mutter verhätschelt. "Klöschen" ist noch einer der netteren Rufnamen gewesen. Klein-Claus beginnt, Computerspiele zu cracken und zu verkaufen, um Jungs zu beeindrucken. Malt und besprüht Wände, um Mädchen zu beeindrucken. Die Masche zieht. Claus macht Hochhäuser klar, bombt Bahnen und nennt sich Seak. Als eine Lehre bei einem Hürther Buchhändler nach der Probezeit scheitert, entschließt er sich, vom Sprühen zu leben. Ein Teil der illegalen Szene mobbt ihn, weil er nach ein paar Jahren beginnt, für Kommunen und Konzerne zu arbeiten, den Kulturpreis seiner Heimatstadt Hürth und einen New Yorker Advertising Award erhält. "Während die nach ein paar Jahren aufgehört haben, lebe ich noch von meiner Kunst. Einige kommen jetzt wieder angekrochen", sagt Seak.
Seit Ende der neunziger Jahre ist er in der Szene international bekannt. Sein Markenzeichen sind futuristische 3-D-Antennenfiguren, sein Schriftzug ist auf Tausenden Mauern, Objekten und Leinwänden zu sehen. Der Fußballer Lukas Podolski hat einen echten Seak in seiner Wohnung. Seak ist Vielsprüher, er will allgegenwärtig sein. Für Ausstellungen und Aktionen reist er um die Welt, seine Auftraggeber lesen sich wie ein Querschnitt durch die Gesellschaft: große Konzerne und kleine Agenturen, Bundeswehr, Schulen und Kommunen, Parteien jeglicher demokratischer Couleur.
Auch im Internet ist Seak omnipräsent. Bei Facebook und Flickr, Xing und Twitter postet der Künstler wie besessen seine Aktionen. "Ich will Spuren hinterlassen und wahrgenommen werden, das ist narzisstisch, klar, aber auch ein menschlicher Urtrieb", sagt er. "Warum macht ein Gerhard Richter ein Fenster für den Kölner Dom - nur, um ein buntes Fenster zu gestalten?" Er stürzt den Espresso hinunter und guckt herausfordernd, hundert Prozent Seak.
Die Zeit der Erniedrigung soll ein für allemal vorbei sein. Die Wunden allerdings scheinen so tief zu sitzen, dass noch viel Farbe versprüht werden muss, bis Seak wieder ganz Claus sein darf. Er zitiert den Objektkünstler Maurizio Cattelan: "Wer die Macht besiegen will, muss sich ihr stellen, sie sich zu eigen machen und sie unablässig wiederholen." In 23 Ländern sind Seaks futuristische Figuren zu sehen. Köln ist getupft mit seinen Bildern, in Hamburg prangt sein Schriftzug, in New York und Chicago, ein Schnellzug fährt mit ihm durch Europa. Keiner kann Seak entgehen.
Allmacht und Ohnmacht
Aber geht es wirklich um Macht? "Ja", beharrt Seak. Die Szene sei nicht frei von Dogmen und Graffiti noch nicht dort, wo er es gern sähe: unter den anerkannt Mächtigen zeitgenössischer Kunst.
"Mein ganzes Denken und Fühlen transformiere ich in meine Bilder. Immer, ich kann da nicht raus", ergänzt er dann noch. "Es geht mir darum, mich besser kennen zu lernen und zu entfalten." Der gewichtige Mann, 35 Jahre alt, wirkt wie ein unsicheres Kind, als er das sagt. Nicht die Allmacht, die Ohnmacht macht Claus "Seak" Winkler zu einem Künstler von Rang. Er darf sie nur nicht immer rauslassen.
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Foto: Seak nach getaner Arbeit vor dem von ihm besprühten Thalys-Schnellzug